Johano Strasser plädiert für neue Werte in der Politik

Von Gunter Hofmann

Als Wachstum und Fortschritt noch weithin für identisch gehalten wurden, als die Welt also noch in Ordnung war, gab es bei allem Trennenden für die "Reformer" in den Parteien so etwas wie einen gemeinsamen Nenner. Das hat sich seit dem "Öl-Schock", der Energiekrise, Wyhl und der neuen Sensibilität für eine Umwelt, die von der "fortschrittlichen" Technik heillos beschädigt wird, gründlich geändert. Alte Bündnisse zerbrechen, neue Koalitionen werden ins Auge gefaßt. Erhard Eppler hat dafür mit der säuberlichen Scheidung in Wert- und Strukturkonservative neue Kategorien als Eselsbrücken zu liefern gesucht, deren Tragfähigkeit begrenzt ist. Die Wertewelt verändert sich, auch für "Linke" in den Parteien.

Die Debatte, noch konturlos und diffus, beginnt erst allmählich; sie ist alles andere als überflüssig. Um so bedauerlicher, daß ein neu entflammter Konflikt, bei dem es nicht um die Sache geht, den Blick auf die Veränderungen verstellt. Der halbierte Sieg des orthodox-dogmatischen Stamokap-Flügels beim Parteinachwuchs der SPD, den Jungsozialisten, entbindet wieder davon, über politische Inhalte Rechenschaft zu geben. Scheinalternativen werden als die wahren Alternativen hochgejubelt, so die Frage, wie die SPD es mit dem Kommunismus halte. Unberücksichtigt bleibt, daß es seit Jahren eine Tendenz zur Entdogmatisierung gibt, gerade innerhalb der "Linken", die ja ohnehin nie über eine gemeinsame "Theorie" verfügte, ja, sich nicht einmal einig war, was eine solche Theorie zu leisten hätte.

Als ein Dokument dafür, daß sich neue Gravitationsfelder in der innerparteilichen Debatte der SPD-Linken bilden, kann das schmale, essayistische und pamphletistische Bändchen von

Johano Strasser: "Die Zukunft der Demokratie. Grenzen des Wachstums – Grenzen der Freiheit?"; Rowohlt-Taschenbuchverlag, bek 1977; 172 Seiten, 4,80 DM

gelten. Strasser gehört zu jener Generation jünger Sozialdemokraten, die es nicht ohne Absicht vorziehen, "demokratische Sozialisten" genannt zu werden, die fasziniert waren vom jungen Marx und nicht vom gealterten Staats-Sozialismus. Zehn Jahre ist es her, daß die studentische Protestbewegung gegen die Politik der Etablierten sich auf den Barrikaden postierte, zornig gegen alles, was zur Veränderung nicht bereit war – acht Jahre, daß sie sich zu einem nicht unbeträchtlichen Teil in die SPD, eine Partei der Etablierten, integrieren ließen. Strasser ist einer von vielen. Als stellvertetender Juso-Vorsitzender – gar ihr "Cheftheoretiker" tituliert – hatte er jahrelang mit im Zentrum einer leidenschaftlichen Kontroverse gestanden, die – auf allen Seiten – von Freund-Feind-Bildern lebte. Leute wie Strasser galten sozusagen als nicht domestizierbar.