Von Georg Jappe

Zufällig schaut man ins Leben. Vielleicht war mein Leben nur ein Leben, das man zwischen dem Erleben lebt. Vielleicht habe ich auch gar kein Leben gelebt, vielleicht war es das Leben eines anderen, oder auch das, was niemand erlebt hat." Als er das schrieb, war er siebenundzwanzig Jahre alt und anerkannter Avantgardist. Mit achtzig Jahren starb er, derart verschollen, daß jetzt der Herausgabe seiner frühen Schriften die Bitte des Verlags vorangesetzt ist, der Rechtsnachfolger möge sich melden. Dabei war er erfolgreich und ungemein produktiv gewesen: Melchior Vischer, dem Prager Milieu entstammend, war nach dem Ersten Weltkrieg Redakteur der "Prager Presse". Sein dadaistischer Roman "Sekunde durch Hirn", mit Umschlag von Schwitters, erschien 1920 in 3000 Exemplaren, 1923 erhielt er den Kleist-Preis, dann fand er als Autor und Regisseur von Dramen und Grotesken begeisterte Zustimmung, veröffentlichte im Dritten Reich historische Romane und unter Pseudonym das vielgelesene Jungenbuch "Peke-Wotaw", belieferte allerdings auch den Aufwärts Verlag für dessen Reihe "Jede Woche ein Roman"; ein kurzes Liebäugeln mit der Reichsschrifttumkammer 1933, ein ebenso kurzes in den ersten Nachkriegsjahren mit dem "Neuen Deutschland" stieß ihn in die Verfemung; er lebte von der Sozialfürsorge in Berlin bis 1975. Ein Reprint von "Sekunde durch Hirn" in Liebhaberauflage 1964 führte nicht zu seiner Wiederentdeckung, wiewohl der Titel jedem halbwegs Literaturkundigen ein Begriff ist.

Zu den verlegerischen Taten – die an einer Hand abzuzählen sind – gehört die Reihe "Frühe Texte der Moderne"; darin ist nun, soweit es aufzutreiben war, das gesamte, Dada und Sturm nahestehende Früh werk erschienen –

Melchior Vischer: "Sekunde durch Hirn – Der Teemeister – Der Hase und andere Prosa", herausgegeben von Hartmut Geerken; Frühe Texte der Moderne, edition text u. kritik, München, 1976; 207 S., 19,– DM.

Die Handlungen der fünf "Erzählungen" Vischers vergißt man am besten sofort wieder. Der Potenz-Goliath, der sich über den ganzen Erdball von einer gewalttätigen Pornographie in die andere wälzt, der Teemeister, der einen Tiger ausschickt, die Geliebte des Fürsten im Palast auf ihrem Lager zu zerfleischen, und anschließend ein letztes Abendmahl inszeniert ("ich bin der Tee des Lebens") oder der harte reiche Mann, der durch Verfolgungswahn zum Straßenkehrer absinkt, ein kleines Mädchen aufnimmt – solcher Kitsch läßt den späteren Groschenroman-Autor ahnen. Auch das Gedankengut ganz aus Zeitluft: Naturmystik und sexuelle Drastik, Zerschmetterung der Zivilisation und Affinität zu Karma und Satori, Dostojewski – durchschauerten Wahnsinn und Jugendstilschwüle Religiosität. Und die formale Konzeption bleibt äußerlich, wird jedem wuchernden Detail geopfert, im "Teemeister", oder dient nur als Rahmen, um mit einem Aufschrei beginnen und einem Aufklatsch enden zu können; der Sturz vom Hochhaus erbringt keine Sekunde durch Hirn und keinen Bewußtseinsstrom, sondern eine lose Abfolge von Spots orgiastischen Erdenwandels. Kurzum: epische Qualitäten suche man nicht. Obwohl alle fünf Stücke den reichen Lebenslauf oder -abschluß eines Haupthelden vorführen und dies höchstens momentweise in Innenschau, sind sie weit eher Dichtungen in Prosa zu nennen.

Welch dramatische, hochkonzentrierte Sprache! Dem Leser klopfen bei jedem Satz die Schläfen. "Ward verrückt vom Geruch seines Schweißes, verschnob sich schier, lechzte, trank, biß. In kleinem Zimmer hielt sie ihn tagsüber versteckt. Einmal schmeckten ihm ihr Leib, ihre Lüste nicht mehr, sprang auf, schlug klirrend durchs Fenster, fiel weh aufs Kreuz, schon auf, über Parkmauer im Schwung, landeinwärts lief. Früchte von Bäumen gerissen, ihm Nahrung. Durch Staub, der weißlich durch alle Winde goß, an Klostereien vorbei, Sbirren ausweichend, die scharlachrot bemützt auf Heeresstraßen nach ihm suchten, endlich bei Sonnensunk er laute breitdurchstraßte Stadt betrat. Einer Höklerin warf er ins einfältige Gesicht Frage nach Namen dieses Orts: Milano." Auf der nächsten halben Seite das nächste Abenteuer und die nächste Flucht, diesmal majestätisch lapidar: "Alpenzu er schritt."

Dergleichen steht dem Sturm-Ideal der Wortballung, des Atemstoßes, des Zusammenzugs auf Kerne weit näher als der Zerfetzung und Collage des Dada. Zwar gibt es nach und nach Anspielungen auf Dadaisten, auch Lautreihen, die Attitüde der Sprengung beschränkt sich aber im wesentlichen auf den häufigen Kunstgriff, Hehres und Banales sarkastisch zusammenknallen zu lassen. Wenn beispielsweise unmittelbar vor dem Aufprall aufs Pflaster Jörg Schuh an den Goldbuchstaben eines Buttergeschäfts vorüberfällt, und diese werden quer über die Seite gedruckt, so ist die dadaistische Absicht unverkennbar. Dann aber heißt es: "Er getschte auf Asfalt, entbrach sich zu Dotter, mischte sich schleimig mit Dreck und verging Ein einziges Bild, so geschlossen und so vibrierend wie möglich, hält die Hirnverspritzung zusammen. Ein Dadaist hätte anders gehandelt.