Viele Querelen und ein Ende in Schönheit: Die Kirche des Bildhauers Fritz Wotruba in Wien

Von Manfred Sack

Wer nicht weiß, was er auf der Bergkuppe am Ende der Rysergasse vor sich sieht, vermutet etwas ganz anderes als eine Kirche, ein Monument zum Beispiel, ein Mahnmal, einschüchternd weniger durch seine Maße als durch-die vielen übereinander getürmten und ineinander verschränkten Quader aus glattem und scharfkantigen Beton. Es wirkt verschlossen wie eine Burg, uneinnehmbar.

Wer aber durch die Glastür auf der Ostseite geht, läßt augenblicklich diese unruhige Ruhe, die das helle Quaderwerk außen verbreitet, hinter sich; er steht in einem hohen kargen Raum, dessen gemessene Gebärden sogar eine Andeutung von Wärme aufkommen lassen. Der blanke weiße Marmoraltar in der Mitte und ein großes bronzenes Kruzifix beseitigen dann alle Zweifel: Es ist eine Kirche – so außergewöhnlich wie die von Le Corbusier in Ronchamp, einzigartig jedoch durch ihren Urheber, den Österreicher Fritz Wotruba: keinen Baumeister, sondern einen Bildhauer. Er ist kurz vor der Fertigstellung des Rohbaus 1975 gestorben, 68 Jahre alt.

Eine Skulptur als Gebäude

Er hatte aber noch erfahren, was er mit seiner Unterschrift im Vertrag einigermaßen leichtsinnig besiegelt hatte, nämlich daß die Kirche auf einem Grundstück entstehe, welches vor allem für zwei große Schulen gedacht sei, und daß er nicht gegen ihren Bau opponieren werde. Der Bauplatz liegt auf dem St. Georgenberg oberhalb der Gemeinde Mauer, im 23, Wiener Bezirk; er wird hinten begrenzt durch eine schön bewaldete Kulisse, die der Wienerwald abgibt.

"Reag di net so auf", hatte Wotruba seinem jungen Kompagnon, dem Wiener Architekten Fritz Gerhard Mayr geraten, "des mach mer scho." Nachdem er aber die Schulplanungen gesehen hatte, "wurde er blaß", erzählt Mayr; denn beide Schulen, ein Mädchengymnasium, vor allem aber eine Berufsschule für sechshundert körperbehinderte Kinder aus ganz Österreich, ein Komplex von klobiger Architektur, wären der "Kirche zur Heiligsten Dreifaltigkeit" so dicht und mit ihren zum Teil doppelt so hohen Baumassen so übermächtig auf den Leib gerückt, daß es sie um ihre Wirkung gebracht hätte (abgesehen davon, daß auch der Landschaft Gewalt angetan worden wäre). Als dann der Kunst-, senat, ein beratendes Gremium von Sachverständigen, im März Ballons aufsteigen ließ, um die Höhe der Schulgebäude anzudeuten, entschied der anwesende Unterrichtsminister Fred Sinowatz sehr rasch: Die Berufsschule wird nicht hier gebaut, der Entwurf des Mädchengymnasiums wird modifiziert. Seitdem erst ist sicher, daß die Kirche weiterhin so weit ins Land leuchten wird, wie seit ihrer Einweihung im Herbst und wie es sich Fritz Wotruba, einer der bedeutendsten Bildhauer Österreichs, gewünscht hatte.