Diese Kirche ist anders als Kirchen gewöhnlich sind. Sie läßt weder Osten noch Westen erkennen, hat keine Vorder- und keine Rückseite, es gibt keinen Glockenturm und keinen Chor, und der Altar steht in der Mitte des Raumes.

Außen springt der Blick, sobald er das Ganze vage abgetastet hat, von Quader zu Quader, über Kanten, Spalte, Überschneidungen hinweg, bleibt hängen an schiefen, in sich verdrehten und an vielen scheinbar willkürlich über- und herausragenden Blöcken, die sich wie die Kirche selber geometrisch auf keine Formel bringen lassen. Alles muß so sein, weil es die einmal gefundene Harmonie verlangt – alles könnte anders sein, wenn dafür eine neue Ordnung gefunden würde. Da man das Bauwerk nicht architektonisch, nur bildhauerisch "erklären" kann, pendelt die Frage hin und her: ein Gebäude? eine Skulptur? Vielleicht so: eine begehbare Plastik, mehr noch eine Skulptur mit einem benutzbaren und für bestimmte Handlungen eingerichteten Innenraum, entworfen tatsächlich nicht wie ein Haus, sondern wie ein Gegenstand der Bildhauerei.

Es wundert also gar nicht, daß Fritz Wotrubas Mitstreiter, der mit einem Faible für Bildhauerei ausgestattete Wiener Architekt Fritz Gerhard Mayr, von seinen Kollegen nicht immer als Glückspilz betrachtet wurde, sondern eher frotzelndem Widerspruch ausgesetzt war. Aber auch die ärgsten Kritiker können ihm schwerlich den Respekt versagen für seine undankbare, den Verzicht auf die eigene Originalität verlangende architektonische Mithilfe.

Es ist ja nicht ganz einfach, "im Sinne" eines anderen zu denken, dabei die Korrekturen am Einfall des Architektur-Laien Wotruba mit den Vorstellungen des Bildhauer-Künstlers Wotruba so anzubringen, daß aus dem Entwurf ein Gebäude wird und dennoch eine Skulptur bleibt.

Den Anstoß zu diesem Baukunstwerk gaben, ohne daß sie das am Anfang zu ahnen vermöchten, die asketischen Karmelitinnen im Wienerwald-Ort Steinbach: Sie wünschten sich ein Kloster und eine Kirche. Ihr Wunsch fing alsbald an zu wandern und langte schließlich über Glaubensgenossen und Freunde bei dem zwar überraschten, aber sehr erfreuten Fritz Wotruba an.

So seltsam, wie es den Anschein hat, war das nicht: Der Bildhauer, von jeher dem Thema Mensch zugetan, hat es fast durchweg in eine architektonisch scheinende Formensprache übertragen, deren Basisvokabel der Quader ist. Manchen Sulpturen gab er selber Bezeichnungen wie "Menschliche Kathedrale", der Kunsthistoriker Wieland Schmied nannte seine Figuren "heimliche Architekturen", und unter Wotrubas Notizen fällt immer wieder der Satz auf: "Ich träume von einer Skulptur, in der Landschaft, Architektur und Stadt zur Einheit werden." So war er spontan bereit, den Nonnen vom Karmel eine Kirche (und ein Kloster) zu formen.

Ihn reizte daran die künstlerische Aufgabe weit mehr, als daß er eine religiöse Verpflichtung empfand, im Gegenteil: Er war ein ausgeprägter Atheist, seine Erwartung an die Kraft der Religion minimal. "Die Verkümmerung des Psychischen, die gegenwärtig droht", schrieb er, "ist nicht aufzuhalten; denn die Faszination, die von der Technik ausgeht, ist allumfassend. Auf die Dauer werden ihr weder politische Ideale noch religiöse Konfessionen widerstehen können." Gleichwohl war der Respekt des Erzbischofs und Kardinals König, des eigentlichen Bauherrn der Kirche, vor diesem Bildhauer so groß, daß er einen Teil vom Grundstück seines Sommersitzes in Steinbach hergab. Daß aus dem Projekt an dieser Stelle und für die Kirchenfrauen nichts wurde, lag an der allmählich aufbrechenden kirchlichen und öffentlichen Kritik: Man fand es nicht tunlich, für zwanzig Nonnen vom Bettelorden der Karmelitinnen heutzutage noch ein neues Kloster für drei Millionen Mark, zu bauen.