Mittlerweile hatten Idee und Modellentwurf für die Kirche schon so gewirkt, daß Stadt und Staat interessiert werden konnten und dann auch den Bauplatz auf dem St. Georgenberg in Wien-Mauer stifteten. Die beiden Schulen, die hier vorgesehen waren, würden der Kirche, dachte man, ein wenig Platz lassen. Daß Fritz Wotruba darauf eingegangen war, hatte freilich wenig mit Berechnung zu tun, viel mehr mit seinem naiven Selbstvertrauen – und dem Vertrauen auf die Kraft vollendeter Tatsachen und die Gewohnheit, sich am Ende irgendwie zu arrangieren, in diesem Falle: zugunsten seiner nahezu vollendeten Kirche. Es wäre um ein Haar schief gegangen, aber er behielt recht. Der Unterrichtsminister sah am Ende ein, daß es für Österreich besser wäre, um der Wirkung eines außerordentlichen Bau- und Kunstwerkes willen auf ein ausdrücklich eingeholtes Recht zu verzichten – und obendrein die Kritik damit los zu sein, hier entstehe für die körperbehinderten Kinder ein für sie schwer zugängliches Heim auf einem Berg und obendrein ein abgelegenes Getto.

Bronze, Marmor, Beton

Das Abenteuer, als das Fritz Wotruba das Unternehmen dieser: Kirche stets empfunden: hatte, betraf indessen viel weniger die äußeren Umstände des Auftrages, der Plazierung und der Planung als das Baukunstwerk selber. Es entstand tatsächlich nicht auf dem Reißbrett – auf das es gleichwohl später fast wie auf ein Streckbett gespannt werden mußte –, sondern als Gipsmodell, nicht höher als eine Handspanne. Und eigentlich wollte der Bildhauer vom Architekten nur, daß er das Modell mitsamt allen Klecksen, Schlieren und Fingerabdrücken einfach zu einer Kirche vergrößere.

Auf den Einfall, den Bau – weiterhin wie eine Skultur – in Bronze zu gießen, folgte der Vorschlag, ihn aus preiswertem jugoslawischen Marmor zu hauen, der nur wenig grauer gewesen wäre als der weiße aus Carrara. Doch das machte statische Schwierigkeiten besonders für die überhängenden Blöcke: Bruchgefahr. Nachdem sich Wotruba dann an Beton zu gewöhnen begonnen und sich bei Besichtigungen an der ruppig-schönen Häßlichkeit alter Luftschutzbunker entzückt hatte, entwickelte er seine Neigung zu diesem Material. Erst sollten die Quader die wilde Oberfläche einer betont unruhigen Schalung aus dicken und dünnen, schmalen und breiten, langen und kurzen Brettern bekommen, dann entschied er sich für eine glatte Oberfläche und präzise Kanten.

War es schon außerordentlich schwierig, die durchweg verschieden geformten, bisweilen windschiefen oder aus der Achse verdrehten Quader nach einem komplizierten Meßsystem in verwertbare Bauzeichnungen zu übersetzen, so war man noch ratloser bei dem Versuch, sie in Beton zu übertragen. Als Zeichnungen auch des größten Maßstabes (1:25) als Verständigungsmittel für die Schalungsarbeiten versagten, richtete sich der Polier Karl Pilzer schließlich nach dem Holzmodell. Die Fenster aus klarsichtigem Glas wurden später am Rohbau in die Öffnungen eingemessen.

Die "Kirche zur Heiligsten Dreifaltigkeit" ist nun nicht, wie ihre exklusive Lage und der bis ins Zentrum von Wien und weit ins Marchfeld hineinreichende Blick vermuten lassen könnten, ein Wallfahrtsziel, sondern eine Pfarrkirche, zuständig für die Bewohner des neueren Siedlungsgebietes von Wien-Mauer. Und eben dies machte nun den Architekten notwendig: Die Kirche soll ja normal funktionieren, alle architektonischen Ergänzungen mußten ihr – kongenial – eingefügt werden. So befinden sich nun unter der Kirche eine Anzahl von wichtigen Nebenräumen, ein Pfarrsaal, ein Sitzungszimmer, die Sakristei, das Pfarrarchiv, ein Raum für die Ministranten sowie zwei unterirdische Zugänge.

Für welchen Eingang man sich nun entscheidet, unten oder oben, von Westen oder Osten: Wer die Rysergasse hinaufstapft, hat jedenfalls die einzige vom Bildhauer ausdrücklich dafür geformte Hauptansicht vor Augen.