Von Julius H. Schoeps

In der wilhelminischen Epoche erlebte das deutsche Judentum Aufstieg und Krise, erfuhren die Juden Möglichkeiten wie Grenzen der deutsch-jüdischen Koexistenz. In wirtschaftlicher, sozialer und kultureller Hinsicht hatte zwar ein deutlicher Annäherungsprozeß an die christlichdeutsche Bevölkerung eingesetzt. Von einer wirklichen Integration der Juden in die bürgerliche Gesellschaft des Kaiserreichs konnte aber kaum die Rede sein. Konfrontiert mit den Problemen eines weitverbreiteten Antisemitismus, waren die Juden gezwungen, sich mit dem Verhältnis von jüdischer Tradition und deutschem Kulturgut, mit der Bedeutung des "Jude-Seins" in einer sich heftig nationalistisch artikulierenden Umwelt auseinanderzusetzen.

Die Arbeit des amerikanisch-jüdischen Historikers

Jehuda Reinharz: "Fatherland or Promised Land. The Dilemma of the German Jew, 1893 tili 1914"; The University of Michigan Press, Ann Arbor 1975; 328 Seiten, 12,95 $

behandelt die "Identitätskrise" des deutschen Judentums, die sich beispielhaft in den ideologischen Auseinandersetzungen zwischen dem "Centraiverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" (C. V.) und der "Zionistischen Vereinigung für Deutschland" (ZVfD) widerspiegelte. "Deutschtum" oder "Judentum", das war die Antwort, die vom "Centraiverein" und von der "Zionistischen Vereinigung" auf die Frage angeboten wurde: Welches ist das wirkliche Deutschland, das der Emanzipation oder das des Antisemitismus?

Reinharz gibt eine ausgezeichnete Analyse der Debatten, die auf einem hohen Niveau geführt wurden, heute freilich nur noch schwer nachzuvollziehen sind. Kritisch ist nur die von Reinharz bereits im Titel seines Buches angebotene Alternative "Fatherland" or "Promised Land" zu werten. Für das assimilierte Judentum in Deutschland, für die "Staatsbürger jüdischen Glaubens", die mehr als 90 Prozent der jüdischen Gesamtbevölkerung in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg ausmachten, war dies keine Alternative, die ernsthaft erörtert wurde. Sie erblickten im Zionismus kaum mehr als eine rückläufige Bewegung, die die Entwicklung des Judentums zu einer freien, allweltlichen, universal-religiösen Gemeinschaft aufhalte – eine Bewegung, die bei einem Erstarken nur eine Gefahr für die staatsbürgerliche Stellung der Juden in Deutschland darstellen wurde.

Sowohl die Vertreter der radikalen Assimilation als auch die Vorkämpfer des Zionismus haben beide auf ihre Weise den jüdischen Indifferentismus bekämpft, waren beide bemüht, eine Antwort auf die jüdische Identitätskrise zu finden. In einer Studie hat