Von Rudolf Herlt

Die Würfel sind gefallen. Vom 1. Mai 1977 an werden zwei Männer an der Spitze der Bundesbank stehen, die vom Schicksal und den politischen Verhältnissen dazu verurteilt waren, in den letzten fünf Jahren über hunderttausend Flugkilometer gemeinsam zurückzulegen. Als Reisende in Währungspolitik erschienen sie auf allen internationalen Konferenzen als Paar: Otmar Emminger, bisher Vizepräsident der Deutschen Bundesbank, und Karl Otto Pöhl, bisher der für nationale und internationale Währungspolitik zuständige Staatssekretär im Bundesministerium für Finanzen.

Das Bundeskabinett wird am 20. Mai 1977 dem Bundespräsidenten vorschlagen, Emminger zum Nachfolger Karl Klasens, Pöhl zum Nachfolger Emmingers zu machen. Der Vertrag von Bundesbankpräsident Klasen lief zwar noch bis Ende 1977. Er selbst aber war der Meinung, er sollte die Regel nicht durchbrechen, nach der Mitglieder des Bundesbank-Direktoriums ihr Amt mit 68 Jahren abgeben. Klasen wird am 23. April dieses Jahres 68 Jahre alt.

Der neue Präsident ist 18 Jahre älter als sein Vize Emminger, Jahrgang 1911, repräsentierte die Bundesrepublik schon im Exekutivdirektorium des Internationalen Währungsfonds, als Pöhl, Jahrgang 1929, sein Examen als Diplom-Volkswirt machte. Beiden gemeinsam ist eine leidenschaftliche Neigung zur internationalen Währungspolitik, wiewohl sie auf verschiedenen Wegen zu ihr gestoßen sind. Emminger war in den letzten zwanzig Jahren immer dabei, wenn es darum ging, die Mängel des internationalen Währungssystems zu reparieren. Pöhl wurde erst 1973 in die Strudel internationaler Währungswirren geworfen und lernte erstaunlich rasch, mit ihnen fertigzuwerden.

Gemeinsam ist beiden auch die parteipolitische Neutralität. Emminger, obgleich parteilos, steht der CDU näher als den Koalitionsparteien. Dennoch hat der Kanzler keinen Augenblick an der Loyalität Emmingers gegenüber der Bundesregierung gezweifelt, von deren Weisungen der Bundesbankpräsident zwar unabhängig ist, deren Wirtschaftspolitik er jedoch währungspolitisch unterstützen soll. Pöhl, obgleich Mitglied der SPD, ist viele Jahre auch von guten Bekannten nie als Parteimann identifiziert und später auch von der Opposition nie der Parteilichkeit geziehen worden.

Sonst aber, wie kann es anders sein, haben sich die beiden grundverschieden entwickelt. Kein anderer hat auf das internationale Geldsystem unserer Tage so stark Einfluß genommen wie Emminger. Es gab buchstäblich keine internationale Währungskonferenz, an der er nicht teilgenommen hätte. Nur einmal haben ihm die Umstände einen Streich gespielt. Am Sonntag, dem 17. März 1968, wurde die währungspolitische Landschaft verändert. Sieben Zentralbanken spalteten in Washington den Goldmarkt. Bundesbankpräsident Karl Blessing repräsentierte die Deutsche Bundesbank. Sein treuer Begleiter Otmar Emminger, der das kleine und große Einmaleins der internationalen Goldpolitik im Schlaf hersagen konnte, saß als Urlauber in einem Schweizer Bergdorf. Die Maschine, die Blessing nach Washington brachte, startete ohne Emminger.

Diese Ironie des Schicksals hat sich nicht wiederholt. Seither war Emminger immer dabei, wenn das Währungssystem repariert werden mußte. Seit 1958 war er Vizepräsident des EWG-Währungsausschusses, von 1964 bis 1967 Vorsitzender der Stellvertretergruppe im Zehnerclub der zehn wichtigsten Industrieländer aus der westlichen Welt und Japan. Viele Jahre war er der deutsche Vertreter im Wirtschaftspolitischen Ausschuß und in der Arbeitsgruppe Drei der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung; seit 1969 ist er deren Vorsitzender. Das ist der eine Grund, warum er bei allen internationalen Währungskonferenzen dabei ist. Der andere ist ganz einfach der, daß es in der Westlichen Welt nur eine Handvoll Männer seines Kalibers gibt.