Von Joachim Nawrocki

Berlin, im April

Die Teilung Deutschlands hat nicht nur ein Land geteilt, sie zerreißt auch immer wieder ungezählte Familien. Das Schicksal der deutschen Nation manifestiert sich seit mehr als drei Jahrzehnten in persönlichen Schicksalen. Flucht und Vertreibung, Opposition und Opportunismus, Verantwortung und Verantwortungslosigkeit gehören zu den vielfältigen Gründen, durch die Männer von ihren Frauen, Eltern von ihren Kindern, Kindern von ihren Geschwistern getrennt wurden. Zu diesen Ursachen ist in den letzten Jahren eine weitere hinzugekommen: die Kindeswegnahme von Staats wegen.

Seit der Spiegel-Korrespondent Mettke aus der DDR ausgewiesen wurde, weil sein Blatt Ende 1975 über solche Fälle berichtet hatte, ist die Praxis des Entzugs von Sorgerechten und der Zwangsadoptionen auch einer breiteren Öffentlichkeit bekannt. Die ZEIT hat bisher bewußt nicht über Details solcher Vorgänge berichtet, weil Grund zu der Annahme bestand, daß durch derartige Veröffentlichungen die Zusammenführung von Kindern mit ihren Eltern nicht gefördert, sondern eher behindert werde. Einige der bekannten Fälle sind zudem so kompliziert, zum Teil auch widersprüchlich, daß selbst nach stundenlangen Gesprächen mit den betroffenen Eltern ein eindeutiges Urteil schwerfällt.

Sicher ist nur dies: Hier im Westen warten mehr als ein halbes Dutzend Mütter und Väter auf ihre in der DDR lebenden Kinder, und sie alle sind verzweifelt. Die Lösung dieser Fälle aber scheitert an östlicher und auch an westlicher Bürokratie. Die Haltung der DDR-Regierung hat sich nach den Veröffentlichungen über die Zwangsadoptionen merklich verhärtet. Einige Fälle, die schon geregelt zu sein schienen, sind nun wieder nahezu aussichtslos. Und die Bundesregierung nimmt sich dieser Probleme offenbar nicht immer mit der nötigen Umsicht und dem erforderlichen Nachdruck an.

In sämtlichen Fällen des Entzugs von Sorgerechten und der Zwangsadoption, die hier bekannt sind, haben die Eltern oder zumindest ein Elternteil erfolgreiche oder erfolglose Fluchtversuche unternommen, teils mit, teils ohne die Kinder. Wein die Flucht in den Westen gelang, dem wurde, wenn er seine Kinder in der DDR zurückließ, die Übersiedlung der Kinder an den Wohnsitz der Eltern verweigert. Wer bei der Flucht gefaßt wurde, dem wurde noch in der DDR das Sorgerecht für die Kinder entzogen. Etliche Male wurden die Eltern in die Bundesrepublik entlassen, die Kinder, aber gegen den Willen ihrer Eltern zur Adoption durch Pflegeeltern freigegeben.

Es ist ziemlich eindeutig, daß die DDR-Behörden versucht haben, durch solche Praktiken Familien von der Flucht abzuschrecken. Deshalb ist es unverständlich, daß die Bundesregierung jetzt auf die große Anfrage der Opposition zur Deutschlandpolitik erklärt, es falle schwer, politisch motivierte Zwangsadoptionen nachzuweisen. In einigen Fällen sind politische Motive offenkundig, in anderen haben sie zumindest die Entscheidungen der DDR-Behörden beeinflußt. Auch die Tatsache, daß bereits zugesagte Familienzusammenführungen plötzlich wieder verhindert wurden, ist nur politisch zu deuten.