Von Kurt Becker

Gegensätzliche deutsche und amerikanische Interessen in der zivilen Nuklearpolitik und beim Export von Kernkraftanlagen, dem heikelsten Streitobjekt zwischen Bonn und Washington, sind in der Osterwoche voll aufeinandergeprallt. Zum erstenmal ist es im Verhältnis zwischen der Bundesrepublik und ihrem wichtigsten Verbündeten nicht gelungen, in einer so bedeutsamen Frage die Gegensätze diplomatisch einzuebnen. Einstweilen scheinen sie unüberbrückbar. Zweierlei ist geschehen:

Erstens: Die Bundesregierung hält an der vollständigen Erfüllung, ihres Liefervertrages mit Brasilien über acht Kernkraftwerke mit komplettem Brennstoffzyklus fest, gegen den das Weiße Haus seit Monaten zu Felde zieht, und hat die lange Zeit zurückgehaltene Exportgenehmigung für die Blaupausen sogenannter sensitiver Anlagen erteilt – für die Urananreicherungsfabrik also und, vor allem, die Wiederaufbereitungsanlage.

Zweitens: Präsident Carter hat seinen Führungsanspruch auf die internationale Entwicklung der zivilen Nutzung des Atoms angemeldet und in sieben Punkten seine Entscheidungen und Vorschläge proklamiert.

Carter hatte es schon in seinem Wahlkampf angekündigt: Er will nicht nur die Arsenale Strategischer Nuklearwaffen verringern, sondern mit aller Rigorosität auch verhindern, daß durch mißbräuchliche zivile Nutzung des Atoms neue Kernwaffenmächte entstehen. Im Prinzip unterstützen ihn dabei alle Staaten des westlichen Bündnisses. Aber im Detail endet der Akkord. Ablehnend stehen die nukleartechnologisch hochentwickelten Staaten Frankreich und Großbritannien, Deutschland und Japan Carters Strategie gegenüber. Sie wollen das Plutonium, aus dem sich nukleare Sprengstoffe herstellen lassen, nicht völlig ächten; nach ihrer Ansicht hieße das, die wissenschaftliche Entwicklung um viele Jahre zurückzuschrauben. Und zumindest Bonn und Paris wollen der Dritten Welt nicht grundsätzlich den Zugang zur kompletten Brennstoffversorgung verweigern.

Damit sich die Zahl der Kernwaffenstaaten nicht ausweiten kann, führt Carter seinen Feldzug vor allem gegen das Plutonium. Für die Vereinigten Staaten will er zweierlei verfügen: den Stopp der Wiederaufarbeitung abgebrannter Uranbrennstäbe, bei dem waffenfähiges Plutonium anfällt, und den weitgehenden Verzicht auf die Entwicklung Schneller Brüter auf Plutonium-Basis. Und er hofft, international eine Mehrheit von Exportstaaten und Käuferländern zu gewinnen, die sich seiner Politik konsequent anschließen.

Der Widerspruch zwischen Carters Unterfangen und der Bonner Absicht, Brasilien den vertraglich vereinbarten kompletten Brennstoffzyklus zu liefern, ist einstweilen unauflöslich. Aber auch Frankreich, Großbritannien und das völlig auf Energieimporte verwiesene Japan sind an der Wiederaufbereitung vital interessiert. Die Briten bangen schon um Wiederaufarbeitungsaufträge aus Deutschland und Japan. Und Westeuropäer wie Japaner richten ihre Hoffnung auf die Schnellen Brüter, die in den neunziger Jahren, wenn das Uran knapp und teuer sein wird, die Abhängigkeit von fremden Energielieferanten verringern sollen. Alle haben sie schon Milliardenbeträge in diese Zukunft investiert.