Washington, im April

Es hat weder landesweite Proteste gegeben, noch wurde das Ereignis sonderlich registriert: Seit Beginn dieses Jahres haben nicht nur die Bürger von Kalifornien, sondern auch die Leute von Idaho ein gesetzliches "Recht zu sterben". In den beiden Bundesstaaten im Westen der USA müssen Ärzte die Maschinen ab- und außerordentliche Behandlungen einstellen, wenn ein unheilbar kranker Patient sie so anweist.

Von gesetzlich sanktionierter Euthanasie kann nicht die Rede sein. In Idaho wie in Kalifornien haben die Gesetzesschreiber soviel Bremsen eingebaut, daß das "Recht zu sterben" keinem Todeskandidaten leicht gemacht wird. Ein Patient muß mindestens zwei Wochen über seine Entscheidung nachdenken, bevor er in Anwesenheit von zwei Zeugen, die weder mit ihm verwandt noch seine Erben sind, weder dem Arzt nahestehen oder dem Krankenhaus angehören, "in freier Entscheidung" ein Dokument unterzeichnet. Ein Gnadenmord wird ausdrücklich ausgeschlossen: Der Tod muß ohne fremde Mitwirkung eintreten. Und kein Versicherungsträger darf von seinen Kunden einen derartigen letzten Willen verlangen. Dieser letzte Wille kann jederzeit schriftlich oder mündlich widerrufen werden. Nach fünf Jahren wird er ungültig.

Bedenken

Die Schwächen solcher Gesetze sind unvermeidbar. Ein Kritiker muß sich nicht unbedingt auf Hitlers Deutschland berufen, um seinen Widerstand zu dokumentieren. "Wie kann man eine freie Entscheidung fällen, wenn ein Arzt den unumgänglichen Tod prophezeit?" fragt David Roberti, demokratischer Mehrheitsführer des Kalifornischen Senats. Und Jerome Lackner, Chef des Gesundheitsministeriums in Sacramento, erklärt seine Opposition mit der Praxis: Müssen Ärzte künftig Strafverfahren fürchten, wenn sie die Behandlung hoffnungsloser Fälle einstellen, obwohl keine schriftliche Einwilligung vorliegt?

Ein gesetzlich verbrieftes "Recht zum Sterben" hätte nicht einmal Karen Ann Quinlan geholfen. Als sie im Mai 1975 nach Alkohol- und Drogenkonsum plötzlich in ein Koma, den Zustand tiefster Bewußtlosigkeit, fiel, hatte sie keine Möglichkeit mehr, zwei Wochen nachzudenken und schriftlich und vor Zeugen einzuwilligen, daß ihr Atemgerät abgestellt würde, und auch den Eltern wäre in Kalifornien oder Idaho nicht geholfen gewesen, wenn sie dort – statt in New Jersey – vor Gericht das Recht beantragt hätten, an Stelle der Tochter zu handeln: In beiden Staaten ist dieser letzte Wille nur gültig, wenn der Betroffene die Entscheidung selbst fällt.

Handlungsunfähig