Weit aufs Wasser hinausspazieren, mehr als einen halben Kilometer, ohne nasse Füße zu bekommen, dies biblische Wunder für jedermann bietet der Palace Pier in Brighton. Spinnenbeinig stakst dieser 521 Meter lange Laufsteg ins Meer hinaus, bei Ebbe zwölf Meter über dem Wasserspiegel, ein wunderbar verrücktes, verspieltes Kind des gußeisernen Zeitalters. Getragen von 28 Hauptstützen und einer unbändigen Vergnügungslust, lädt der Palace Pier zum Promenieren und Konsumieren ein, mit nicht weniger als 40 kleinen Geschäften und Schaubuden, einem Restaurant und einem Spielkasino, genannt "Palace of Fun". Diese Promenade auf dem Wasser, selbst ein Schauspiel ganz und gar, hat an ihrer Spitze obendrein noch ein Theater, von Zwiebeltürmchen bekrönt wie jenes andere architektonische Folly von Brighton, der Royal Pavilion Georges IV. Der Palace Pier, der den 1896 abgerissenen Chain Pier ersetzte, wurde zum Prototyp dieser maritimen Kirmesarchitektur britischer Badeorte. Als Spielstraße zum Flanieren im Freien sind die Piers ein Pendant zu den überdachten Passagen des 19. Jahrhunderts. Zusammen mit der Architektin Katharina Sattler ist die Fotografin Ursula Schulz-Dornburg der Faszination des Palace Pier nachgegangen, Stück für Stück, in ganzer Länge. Die gußeisernen Schmuckaufbauten, die neugotischen Spitzbogenfenster, all die Schnörkel und Girlanden dieses Decks ohne Dampfer werden mit kühler Passion dokumentiert. Wenn wir der viktorianischen Schönen am Strand von Brighton bewundernde Blicke zuwerfen, sollten wir ihren Nachbarn nicht übersehen: West Pier, kaum weniger pittoresk, aber vom Abbruch bedroht. (Katharina Sattler und Ursula Schulz-Dornburg: "Palace Pier Brighton"; DuMont Buchverlag, Köln, 1977; 64 S., 52 Abb., 32,– DM.) Peter Sager