... bei einem Jahresüberschuß von 145 Mark

Von Horst Unger

Als ich noch klein war, spielten die Kinder in unserem erzgebirgischen Dorf mit Hingabe "Bauer, Bürger, Edelmann", obwohl es bei der Rollenverteilung jedesmal Streit gab. Jeder wollte der Edelmann, niemand wollte der Bauer sein. Der Bauer war immer der Dumme. Und meist war es gar nicht leicht, einen Dummen zu finden. Oft genug übernahm ich diesen Part – aus Liebe zur Landwirtschaft und weil ich damals davon träumte, später Bauer zu werden. Ich hatte schon melken gelernt, ich konnte ein Pferdegespann mit "hüh!" und "hott!" lenken und sogar mit der Pflugschar eine gerade Furche ziehen.

Jetzt bin ich erwachsen, wohne mit Weib und Kind seit Jahren auf einem Dorf in Niedersachsen – eine Autostunde von Hamburg entfernt – und habe inzwischen begriffen, daß vieles anders ist als früher.

Nicht der Bauer, sondern unsereiner ist heute der Dumme. So ähnlich stand es kürzlich in der Zeitung. Unseren Bauern, so hieß es da ungefähr, geht es viel zu gut. Sie zahlen kaum Einkommenssteuer, wenn’s hochkommt monatlich 200 Mark, das heißt, nicht mehr als eine Stenotypistin oder ein Fabrikarbeiter. Sie kommen uns teuer zu stehen, diese "verwöhnten Kostgänger der Nation", sie leben über unsere Verhältnisse. Statt uns zu ernähren, wie es ihre Pflicht wäre, lassen sie sich von uns durchfüttern und den lieben Gott einen guten Mann sein.

Aber ist das wirklich so? Ich habe da ganz andere Erfahrungen gemacht. Voriges Jahr habe ich nämlich wieder einmal Bauer gespielt und gemeinsam mit meiner Frau (Barbara) zwei Monate lang den Hof unserer kranken Nachbarn bewirtschaftet, bis Liese und Henning, wie wir sie nennen wollen, uns schließlich ablösen konnten.

Nachbarschaftshilfe ist hierzulande die wirksamste Form einer Versicherung auf Gegenseitigkeit. Die 23 Höfe unseres Dorfes sind ausnahmslos Zwei-Personen-Betriebe. Mann und Frau müssen sich die Arbeit teilen. Der Bauer bestellt die Felder und regiert im Kuhstall, die Bäuerin betreut den Haushalt, die Schweine und das Federvieh. Hier und da – aber selten genug – packen die heranwachsenden Kinder mit an, und Oma und Opa machen sich nützlich, soweit sie noch können.