Von Marietta Riederer

Phantasie und Übermut brachten die Pariser Mode auf Trab. Strahlende Sommerfarben werden in den Winter geschickt und scheinen wie mit Reif überpudert. Das gibt einen hellen, pastellfarbenen Mode-Winter.

Der Etagen-Look vor allem fasziniert: Kurzes über Langem, Rock über Unterrock, Jacke über Weste. Die Mäntel werden dabei zu voluminösen Hüllen mit überweiten Ärmeln; üppige Capes, möglichst in Oberweiten, sind überwiegend aus leichtem Stoff. Aufgerauhte Baumwolle, Wolletamine, flauschige lockere Mohairs, leichte Tweeds, gestreifte und karierte Flanelle werden hierfür verwendet. Cordsamt sowie Kutschertuche gehören zu den schweren Stoffen des nächsten Winters.

Kontraste machen Spaß. Es gibt keine Fixierung der Rocklängen. Auch Kurzes zeigt sich, es gehört der jungen Generation, die abwechselnd "schenkelkurz" oder "wadenbedeckt" geht. Mit Ungewohntem zu verblüffen, ist ein neuer Gag. Da ist zum Beispiel der Tweed-Blazer, herrenmäßig verarbeitet, der jetzt zu weiten, anmutigen Blumenröcken getragen wird; um den Hals einen karierten Herrenshawl, die Baskenmütze auf widerspenstigen Locken. Da werden zu femininen Kleidern, in Eiscreme-Farben Filzhüte in Herrenart aufgesetzt; Halstücher aus feinsten Wollgespinsten gehören zu artigen Seidenblusen, dazu werden derbe Hosen und Westen aus Manchester getragen.

Der japanische Modeschöpfer Kenzo nimmt knisterndem Taft alles Noble, wenn er Uni-T-shirts und lange Hosen aus Schottentaft herstellt. Er verarbeitet ihn auch für seinen letzten Hit: das "Ballonkleid". Für den Abend an Trägern aufgehängt, unter einem Volant stark eingereiht, entsteht so die "dicke Null", die über den Fesseln mit Gummizug eingefaßt wird. Für den Tag ist sein "Ballon" aus Pfeffer-und-Salz-Mohair. Die Überweite wird über dem Knie leicht eingeschoppt, hierzu werden weiße Strümpfe und ein weißer Kinderfilzhut getragen. Kenzos gigantisches Hemd für diesen Sommer taucht schon jetzt in unzähligen Variationen auf. Er bringt es zum Winter mit einem komischen riesigen Reverskragen, der sich über kurzen offenen Westen befindet, die zu weiten, recht langen Röcken gehören. Außerdem bietet er geräumige Pullover in Kleidlänge mit breitem Schenkelbund an. Kenzos Versuchsballons sind noch nie geplatzt, sie steigen als Avantgarde-Signale.

Für Verwandlungen, Verpackungen und Überraschungen sorgen Issey Miyake und der junge Castelbajac. Miyakes Kleider lassen sich um-, ein- und auswickeln. Die weiten Röcke werden in den Bund gesteckt, um den farbigen Unterrock Zu zeigen, und schwarze Schürzen wiederum werden umgeschlagen, um die Röcke besser zur Schau zu stellen. Miyakes Hosen sind im Bund gerafft und laufen an den Knöcheln schmal aus. Sensationell waren seine reinseidenen Abendkleider, mit magischen Indianerzeichen auf hellem Fond bedruckt. Dazu gehörten Tücher, die sich wie Spinnaker blähten, wenn die Mädchen die Arme steil nach oben reckten. Beute aller Photographien.

Castelbajac, Architekt moderner Sportmode, arbeitet mit Reißverschlüssen, die lange Hosen in Shorts verwandeln können und Seitennähte an Mänteln sowie Ärmel beliebig hoch öffnen lassen. Die Reißverschlüsse längs der Rückenmitte erlauben den Mannequins, ihre Anoraks aufzureißen, Teile farblich auszutauschen, Kragen und Kapuzen zu entfernen oder lange Jacken in Spenzer zu verwandeln. Neben dickwattierten Mänteln und Anoraks, die fast Ballon-Umfang erreichen, kann man aber auch gleichzeitig in vier Hemden mit vier Kapuzen in blau, rot, grün und gelb schlüpfen. Für den Tag sind sie aus Baumwollflanell; für den Abend aus Seide, und sie wirken dank der leichten Stoffe keineswegs plump.