Von Rudolf Walter Leonhardt

Brüssel‚ im April

Belgien ist ein sonderbares und für Europäer ungewöhnlich aufschlußreiches Land. Es waren Belgier, von Henri Spaak bis Leo Tindemans, die Europas Probleme am klarsten sahen und am unverzagtesten nach Lösungen suchten. Die Linie zwischen lateinischem Süden und germanischem Norden, die ein europäisches Problem ist, läuft mitten durch Belgien. Sogar Belgier finden schwer eine Antwort, wenn sie gefragt werden, was "Belgien" eigentlich sei.

Ich fragte Marcel Defré, Geschäftsmann in Lieges danach, und er antwortete: "Ich weiß es nicht; aber wenn ich im Ausland bin, dann sage ich gern ‚ich bin Belgier‘."

Ich fragte einen belgischen Diplomaten, der zu seinem flämischen Van-Familiennamen einen französischen Vornamen trägt: "Der integrierende Faktor eines nach 1815 von den europäischen Großmächten gewollten Staates Belgien wurde das Königshaus. Obwohl es keine Macht mehr hat, erfüllt es diesen Auftrag noch immer."

Ich fragte Professor Jean De Wulf: "Charles de Costers ‚Ulenspiegel‘ ist der größte Integrationsfaktor belgischen Nationalbewußtseins."

Dazu Paul-Henri Gendebien, Führer der Wallonen-Partei Rassemblement Wallon und enfant terrible der belgischen Politik: "Dieser Staat Belgien war eine politische Verlegenheitslösung der Großmächte des Wiener Kongresses. Wir Wallonen wollen nicht Franzosen zweiter Klasse, die Flamen wollen keine Holländer sein. Also müssen wir miteinander auskommen: so getrennt wie möglich, so vereint wie nötig. Wir brauchen dafür kein ‚belgisches‘ Nationalbewußtsein. Meine Freunde und ich, wir fühlen uns als Wallonen."