ZEIT: Hat Sie die geballte Ladung an Kritik von allen drei Gruppen – Schülern, Eltern und Lehrern – erschreckt und betroffen gemacht?

APEL: Mich hat das nicht überrascht, da ich fast täglich mit solcher Kritik konfrontiert bin – als Minister eines Stadtstaates vielleicht sogar etwas unmittelbarer als meine Kollegen in den Flächenstaaten. Ich will einmal davon absehen, daß die Kritik an der Schule so alt ist wie die Schule und man sicherlich in der Regel nicht zur Feder greift, wenn man zufrieden ist, und daß sich nach einer rational geführten Diskussion oft vieles anders ansieht, auch von Schülerseite, als dann, wenn man sich aufgefordert fühlt, sich seinen Ärger von der Seele zu schreiben. Dennoch will ich nicht verniedlichen: Es bleiben auch dann viele gravierende Probleme übrig, die unsere heutige Schulsituation schwer belasten und gelöst werden müssen.

ZEIT: Wenn Schüler von "Notenterror" und "Leistungsdruck" sprechen, von einer strammen Vierzigstundenwoche, in der sie für vierzehn verschiedene Fächer büffeln müssen in einer Atmosphäre, die sie als anonym und einem Massenbetrieb ähnlich bezeichnen, kann man dann noch von einer humanen Schule sprechen?

APEL: Das ist eines der noch ungelösten Probleme. Zunächst zum "Notenterror": Hier liegt sicher eine für unsere Zeit typische verbale Übertreibung vor, die ich Jugendlichen nicht anlaste. Davon abgesehen: Es läßt sich gar nicht bestreiten, daß der Numerus clausus die Schüler unter besonderen Leistungsdruck setzt. Dabei ist es gleichgültig, ob unsere Gymnasien eine reformierte oder herkömmliche Oberstufe haben. Auch die Tatsache, daß die geburtenstarken Jahrgänge zunehmend ins Berufsleben drängen, übt hier einen unheilvollen Druck aus, der den Noten einen Stellenwert verschafft, den sie nicht haben sollten und dürften. In beiden Fällen handelt es sich um Einflüsse von außen, die Lehrer, Schüler und Eltern "Schule" nur schwer ertragen lassen.

Ähnliches gilt für den Leistungsdruck. Auch hier spielen Numerus clausus und Lehrstellenknappheit eine ungute Rolle. Aber dennoch: Ohne Leistung und ihre Bewertung – wobei über die Vor- und Nachteile von Zensuren, Tests oder Gutachten noch zu diskutieren wäre – wird es auch dann nicht gehen, wenn die Zahl, der Schulabsolventen in einigen Jahren wieder zu sinken beginnt. Daneben gibt es natürlich auch im Schulbetrieb unangemessene Anforderungen, die, wann immer sie erkannt werden, abgebaut werden sollten.

Ich zähle dazu unter anderem Lehrer, die zuviel Leistung fordern. Auch manche Eltern "sündigen" hier, weil beispielsweise aus Prestigegründen Schullaufbahnen für die Kinder gewählt werden, die diese nicht schaffen können. Ebenso offen gestehe ich aber auch ein, daß es ohne Zweifel auch immer wieder gilt, die von den Kultusbehörden herausgegebenen Richtlinien und Lehrpläne daraufhin zu überprüfen, ob nicht unangemessene Leistungsanforderungen oder Benotungsvorschriften gemacht werden. Bei aller berechtigten Kritik sollten wir aber eines nicht außer acht lassen: Auch heute schon gibt es eine große Anzahl von Schulen, die dank eines hohen Engagements von Lehrern, Eltern und auch Schülern zweifellos das Prädikat "humane Schule" verdienen.

ZEIT: Es wird auch das Fachlehrersystem, der häufige Lehrerwechsel beklagt. Immer wieder muß man sich auf andere Menschen einstellen – dem entspricht die Klage der Lehrer von der Verwissenschaftlichung des Unterrichts und der Entpädagogisierung der Schule – muß man dieser Entwicklung entgegenwirken, die Lehrer viel stärker pädagogisch und psychologisch ausbilden, zumal doch offenbar die Zahl der Problemkinder zunimmt?