ZDF, Donnerstag, 7. April: "Ein ganz gewöhnliches Leben" von Imre Gyöngyössy und Barna Kabay

Gezeigt wurde, in schwarzer Tracht, eine siebzigjährige Bäuerin aus einem ungarischen Dorf, die wie eine Märchenfigur sprach – sachlich und voll Poesie, exakt und in metaphernreicher Rede. Ihr Mann war tot, drei Kinder gestorben, ein einziger Sohn noch am Leben. Die Frau, Veronika Kiss aus Rimoc, hatte zwei Wünsche: Das Wiedersehen mit dem letzten Kind und die Bewässerung ihres Weinbergs. Davon, von ihrem Sohn in London, vom Weinberg und von den Toten, wie sie umgekommen waren, wie ihr Sterben war und was sie gedacht hatte, als sie die Todesnachricht empfing, sprach Veronika Kiss in Worten, die das Phrasenhaft-Vorgeprägte der Fernsehverlautbarungen (es war der Tag, an dem der Generalbundesanwalt ermordet wurde) doppelt sinnfällig machte.

Die Rede der Bibel, dies wurde am Gründonnerstag deutlich, ist noch lebendig – und der Sozialismus dörflicher Kolchosen sehr wohl in der Lage, das urchristliche Pathos dieser Verständigungsweise neu zu beleben. "Ich werde in den Pflaumenbaum gehen", sagte Veronika Kiss, "damit er sich nicht so verlassen fühlt. Und dann will ich zu dir kommen, mein Sohn, mit meiner Hände Arbeit soll alles bezahlt sein. Ich bin fleißig, du kannst auf mich bauen: Ich weiß, du brauchst die Wärme meiner Hand, so wie du die Wärme des Lichts brauchst. Sei unbesorgt, ich bin stark: Die Arbeit werde ich erst los, wenn man mich zugenagelt hat."

Die Bäuerin auf dem Feld fand Worte, um die ein Brecht sie beneidet hätte. "Ich habe beim Hacken keine Inseln gelassen", sagte sie, "nicht einmal von der Größe einer Faust." Oder: "Hanf ist besser als Inseln Er saugt den Schweiß auf und stößt ihn nicht ab." Oder: "Es ist mißlich, am Rand eines Friedhofs zu liegen. Die Gänse fressen die Geranien auf, die einer gepflanzt hat."

Im Gespräch der alten Frauen, die beim Rupfen und Zupfen des Hanfs einander in der Ausmalung monströser Ereignisse zu überbieten versuchten, wurde im Gegensatz zu den offiziellen Kommuniques nach der Ermordung des Generalbundesanwalts und seines Fahrers plötzlich deutlich, wie Ergriffenheit sich ausdrücken läßt, sachlich und gleichnishaft, ohne je direkt und peinlich zu wirken.

Ein ruhiger, beinahe sanfter Film: in Schwarzweiß gedreht und nicht synchronisiert. Alles einfach, dem Sujet entsprechend, ganz ohne Aufwand. Kameras verfolgten den Weg einer Frau, die sich aufmacht, um ihren Sohn noch einmal zu sehen. Wie man dabei vorgegangen ist, ob die Bäuerin gelenkt wurde, ob der Regisseur, um der Dramaturgie willen, einige Passagen vorplanend "inszeniert" hat (ein Gespräch der Alten mit dem Parteisekretär, den Anruf des Sohns in der Post: "Seien Sie unbesorgt, Mutter, es gibt überall gute Menschen"), ob Szenen fortgefallen sind, in denen Veronika Kiss, verloren im Bus, in der Metro, in den Straßen Budapests oder im Flugzeug, sich hilfesuchend an das Team gewandt hat, das sie begleitete, ob die beratenden Ethnographen ihr Anweisungen gaben (zum Beispiel den Spiegel zu zerschlagen, um auf diese Weise einen alten Brauch zu dokumentieren) ... das alles ist ohne Belang. Entscheidend bleibt allein, daß ein höchst realistischer Vorgang mit Hilfe der stilisierenden Dokumentation (Dörfliches abstrakt photographiert. Das Simpelste mit Kunstverstand auf den Begriff gebracht.) die Anschauungskraft eines Exempels gewann: prall von Wirklichkeit und eben darum gleichnishaft.

"Wenn ich mich auf die rechte Seite lege", sagte eine alte Frau aus Rimoc, "dann ist es, als ob Mohn gestoßen wird." Momos