Mit den Waffen der etablierten Parteien hat die DKP sechs Sitze im Rathaus der Universitätsstadt erobert

Von Gunter Hofmann

Marburg, im April

Jeder kennt hier jeden. Nichts Idyllisches ist Marburg fremd. Die Stadt taugt nicht für Politik, könnte es scheinen – auch wenn das nie gestimmt hat. Kleinstädterischer Muff und Bonhomie, bürgerliche Tradition, trotz aller Querelen viel Stolz auf eine 450jährige Universität, Intellektualität und Provinz, das alles scheint sich hier harmonisch zueinander zu fügen: Eckwerte eines im Grunde konservativen Milieus.

Vor dieser Kulisse spielt ein Stück, das hierhin nicht zu passen scheint. Seit Jahren verleitet es verstörte Betrachter zu dem Lamento, Marburg sei nicht mehr, was es einmal war. Das Klagen gilt der unübersehbaren Präsenz der DKP, die hier bei den hessischen Kommunalwahlen ihren bisher stolzesten Erfolg verzeichnen konnte. Sie erhielt 10,3 Prozent der Stimmen und damit sechs (bisher fünf) Sitze im Stadtparlament. 35 19 der 34 109 abgegebenen Stimmen entfielen auf sie. Annähernd vergleichbares gibt es nur noch im nordrhein-westfälischen Bottrop.

Bereits 1972 war die Partei mit einem Fünf-Prozent-Stimmenanteil erstmals ins Marburger Parlament eingezogen, seit 1974 ist sie drittstärkste Fraktion. Kurz vorher hatte sich der frühere SPD-Fraktionsvorsitzende im Stadtrat, Rudolf Zingel, mit den Stimmen einer allumfassenden Links-Koalition, also auch denen des DKP-nahen "Spartakus", zum ersten Präsidenten der Universität wählen lassen. Seitdem geht das Gespenst der "Volksfront" um in Marburg.

Zum Klischee von dem romantischen Lahn-Nest mit der farbentragenden Burschenherrlichkeit will dies nicht recht passen. Die Rolle der DKP in der Stadt ist das eine Problem; das andere der Dauerkonflikt an der Hochschule zwischen einer traditionell konservativen Professorenmehrauch und einer "linken", sozial-liberalen und auch zum Teil DKP-nahen Minderheit von Hochschuldozenten und Studentenorganisationen, die verbissen um ihr allgemeinpolitisches Mandat kämpfen und den Marburger Campus zu gern mit der Republik verwechseln. Soll ausgerechnet Marburg wie der linksliberale Exvorsitzende der Jungdemokraten und Politikprofessor Theo Berlin ler sagt, für die DKP ein "Testfeld sein wie Berlin für Zigarettenmarken"?