Von Hans C. Blumenberg

1. Alphaville

Funkhaus, Rechtsschule, Archivhaus, Filmhaus, Vierscheibenhaus, dazu diverse Dependancen in der Innenstadt. Fernsehstudios, Tonstudios, elektronische Schaltzentralen, Kopierwerke, Schneideräume, Redaktionsbüros, Verwaltungsetagen, nicht zu vergessen der Kantinen-Bau mit Fließband-Fütterung und einem Kasino für gehobene Ansprüche. Zwischen dem Wallraf-Platz am Dom und der Neven-Dumont-Straße gegenüber dem Pressehaus des "Kölner Stadt-Anzeigers" herrscht die Medien-Macht am Rhein, der Westdeutsche Rundfunk mit 3559 Angestellten und "betrieblichen Aufwendungen" von knapp 400 Millionen Mark im Jahr 1975: ein Großbetrieb in Sachen Information und Unterhaltung, mit 25 Prozent am Gemeinschaftsprogramm des ARD-Fernsehens beteiligt, in Köln und für die Kölner auch eine mit schier unheimlicher Geschwindigkeit gewachsene Stadt innerhalb der Stadt. Boom Town.

Zwischen dem alten Funkhaus am Wallraf-Platz und dem Vierscheibenhaus am Appellhofplatz sind alle Gebäudekomplexe dieser Stadt durch diverse Gänge und Tunnel miteinander verbunden: ein merkwürdiges Labyrinth aus schier endlosen Korridoren, Treppen, Schächten und Hinweisschildern, in dem sich auch Ortskundige gelegentlich verlaufen – eine rund um die Uhr bewachte Zwingburg, nicht ganz so furchteinflößend wie der Lerchenberg des ZDF, aber auch so perfekt geeignet als Schauplatz für einen Science-fiction-Film. Alphaville, Köln.

2. Der Geist des Bienenstocks

Beherrscht wird die Festung WDR seit dem 1. April 1976 von dem Intendanten Friedrich-Wilhelm Freiherr von Seil, geboren 1926 in Potsdam, Absolvent der exklusiven Salem-Schule am Bodensee, Jurist, SPD-Mitglied (seit 1969), vor seiner Berufung zum Intendanten fünf Jahre lang Verwaltungsdirektor des WDR. In einem Interview sagte von Sell: "Eine auf die optimale Erfüllung des Programmauftrags gerichtete hierarchische Ordnung halte ich für unverzichtbar." Daraus kann man schließen, daß er der richtige Mann auf dem richtigen Posten ist. Wäre die Vokabel nicht so, nachdrücklich in Mißkredit geraten, würde ich ihn einen "Macher" nennen. Springers "Welt am Sonntag" nannte ihn "die graue Maus".