NDR III./SFB III./RB III., Montag, 18. April, 18.45 Uhr: "Die Hauptschule" von Reinhard Kahl und Michael Krey, erste Folge; Folge 2 am 25. 4., Folge 3 am 2. 5., Folge 4 am 9. 5., Folge 5 am 16. 5. jeweils um 18.45 Uhr

So sitzen die Schüler da: teilnahmslos wie in einem Wartesaal, im Gefühl, überflüssig und abgeschrieben zu sein. Ein Mädchen sagt, was die meisten später erwartet: "Für uns bleibt die Arbeit übrig, die andere nicht machen wollen." So äußern sich die Lehrer: "Ich bin total ausgeflippt" oder "Ich bin völlig geschafft"; sie fühlen sich wie "Dompteure", oder ihr Tun erscheint vielen "wie ein Kampf gegen Windmühlenflügel": So ist die Wirklichkeit der Hauptschule.

Etwa jeder vierte Schüler – insgesamt rund 2,6 Millionen Jugendliche – besucht die Klassen fünf bis neun der ehemaligen Volksschule. Sie sollte, das beschlossen einst die Ministerpräsidenten und die Kultusminister, zu einer gleichberechtigten Schulstufe neben Real- und Oberschulen ausgebaut werden. Auf dem Papier geschah das längst: Englisch für jeden, als neues Fach Arbeitslehre, möglichst ein zehntes Schuljahr, hochqualifizierte Lehrer, im fünften und sechsten Jahr eine Förderstufe für alle – auf dieses Programm haben sich die verantwortlichen Politiker festgelegt. Geworden ist daraus fast nichts. Heute wurde die Hauptschule zur Restschule, weil immer mehr Eltern ihre Kinder auf die wirklich weiterführenden Real- und Oberschulen schicken; dadurch wurde sie zu einer Klassenschule für Kinder aus unteren Sozialschichten und aus den Gastarbeiterfamilien; deshalb wurde sie zu einer Stätte der Apathie wie der Aggression, wo Lernunlust und Disziplinschwierigkeiten, Vandalismus und Resignation den Schulalltag bestimmen.

Diese Misere beschreiben die beiden Regisseure Reinhard Kahl und Michael Krey in ihren fünf halbstündigen Filmen.

Diese Filme beziehen Position und ergreifen Partei, ohne parteiisch zu sein. Sie schildern die Misere unverstellt, aber doch nicht ohne Hoffnung. Eine Folge ist einer Modellschule gewidmet, der Hibernia-Schule in Wanne-Eickel, einer Waldorf-Schule, an der Auslese verpönt ist, Integration aber groß geschrieben wird, an der die Schüler zugleich mit dem Schulzeugnis einen Facharbeiterbrief erwerben. Hier haben, was bei dem Thema nahegelegen hatte, keine Klassenkämpfer gefilmt und Belege für ihre Thesen gesucht.

Dokumentarfilme von beachtlichem Niveau also, zurückhaltend Kommentiert, sparsam mit Zwischentiteln und Grafiken aufgelockert, überhaupt nicht überfrachtet mit Zahlen und Fakten, nicht bildungspolitisch aufgemotzt, aber gerade deshalb hochpolitisch: Was eigentlich bedeutet es für diese Gesellschaft, wenn 2,6 Millionen Jugendliche einer gänzlich ungewissen, in zahllosen Fällen freilich überaus düsteren Zukunft entgegengehen, wenn Jahr für Jahr 100 000 Jugendliche die Hauptschule ohne ein Abschlußzeugnis verlassen, und das heißt, mit der Gewißheit, nur ungelernte oder Hilfsarbeiter werden zu können?

Ein beachtliches Verdienst zweifellos der Sender, daß sie Zeit und Geld in dieses hochnotwendige Aufklärungsunternehmen investierten. Deshalb sind diese Filme zugleich ein medienpolitisches Zeichen, das in anderen Funkhäusern, aber auch in Verlagen gehört werden sollte: Ob die komplizierten Probleme der Schulen und Hochschulen gelöst werden können, ist eine offene Frage; daß sie durch Totschweigen bestimmt nicht zu lösen sind, ist freilich überhaupt keine Frage.

Hayo Matthiesen