Ist der Mord an Siegfried Buback ein Grund, die Liberalität preiszugeben?

Von Hans Schueler

Die beiden Toten, die drei Stunden lang auf offener Straße in Karlsruhe lagen, haben vielen von uns über den Zorn und die Trauer hinaus ein halbvergessenes Wissen ins Gedächtnis gerufen: Die Bundesrepublik lebt nun schon beinahe ein Jahrzehnt lang mit dem Terror. Auf den Gründonnerstag genau neun Jahre vor dem Mord an Siegfried Buback, seinem Fahrer Wolfgang Göbel und dem inzwischen gestorbenen Justizhauptwachtmeister Georg Wurster, hatte ein junger Rechtsextremist in Berlin den Studentenführer Rudi Dutschke mit mehreren Kugeln lebensgefährlich verletzt. Ein Unterschied? Kein Unterschied.

Wenig später begann die Gewalt sich im Lande auszubreiten – zunächst gegen Sachen, bald auch gegen Menschen. Zu Beginn war es wie blindes Stolpern. Die Kaufhausbrandstifter von Frankfurt, unter ihnen Andreas Baader und Gudrun Ensslin, versuchten in ihrem Prozeß 1968 glaubhaft zu machen, daß sie kein Leben antasten, sondern nur einen Fetisch der Konsumgesellschaft zerstören wollten. Sie glaubten es damals wohl auch selbst. Nach der gewaltsamen Befreiung Baaders aus der Strafhaft im Mai 1970 schrieb Ulrike Meinhof noch: "Die Frage, ob die Gefangenenbefreiung auch dann gemacht worden wäre, wenn die gewußt hätten, daß ein Linke (so hieß der Mann, es war nicht etwa ein ‚Linker‘ gemeint) dabei angeschossen wird ... kann nur mit einem Nein beantwortet werden." Wenig später jedoch folgte bereits das andere, Ulrike Meinhof zugeschriebene Wort: "Wir sagen, der Typ in der Uniform ist ein Schwein, das ist kein Mensch, und so haben wir uns mit ihm auseinanderzusetzen ... und natürlich kann geschossen werden."

Horst Mahler, der spiritus rector des gewalttätigen Anarchismus, gab schließlich das Rezept aus: Weil die Lage bei uns nun einmal nicht so sei wie in Südamerika, nämlich weder "repressiv" noch "revolutionär", könnten junge Leute auf Dauer für den bewaffneten Kampf nur gewonnen werden, wenn sie von vornherein in die Illegalität verstrickt und so zur Fortsetzung ihrer kriminellen Handlungen gezwungen würden.

Die böse Saat von damals ist in der Reinkultur des Auge in Auge mit dem Opfer vollzogenen Mordanschlages erst spät aufgegangen. Gewiß hat es auch bisher schon terroristische Mordtaten gegeben: an den Polizeibeamten Schmidt und Eckardt in Hamburg, an den amerikanischen Soldaten, die den vermutlich von Baader-Meinhof-Leuten unternommenen Sprengstoffanschlägen in Frankfurt und Heidelberg zum Opfer fielen, an dem Berliner Richter von Drenkmann und den beiden Attachés von Mirbach und Hillegaart während des Überfalls auf die Bonner Botschaft in Stockholm. Doch waren die Polizisten nicht von vornherein als Opfer ausersehen – sie wurden aus dem Weg geräumt, weil von ihnen die Festnahme drohte. Auch die Sprengstoffopfer waren den Tätern unbekannt, als sie ihre Bomben legten. Drenkmann war als Geisel vorgesehen wie Peter Lorenz, um Häftlinge freizupressen – er wurde erschossen, weil er sich der Geiselnahme widersetzte. Die Attachés wurden getötet, weil die Täter den Widerstand der Bonner Regierung gegen ihr Erpressungsunternehmen brechen wollten.

Die erste gezielte Bluttat