Von Helmut Schneider

Die riesenhafte nackte Frau, deren Kopf mit einem Tuch verhüllt ist, kehrt mit einem breiten Rechen vergeblich fliehende Menschlein zu einem Haufen zusammen; der nächste Schwung des Rechens wird alle über den Rand des Abgrunds in die Tiefe befördern. Unentrinnbar einer blinden Macht ausgeliefert zu sein, ist "des Menschen Schicksal", so der Titel des um 1901/02 entstandenen Blattes von Alfred Kubin: einem gedankenreichen "Künstlerphilosoph", wie Hanns Holzschuher sagt?

Andere Blätter aus der gleichen Zeit haben surreal anmutende Visionen zum Inhalt. Da greift ein zum Science-fiction-Monster mutierter Nachkomme von Goyas Koloß mit riesigen Händen nach einem Segelboot, andere Schiffe hat das Ungetüm mit dem winzigen, aus einem langen Saurierhals herauswachsenden Kopf bereits versenkt. Und ein aufrecht im Sattel sitzender Reiter ohne Kopf – der ist an der Spitze seiner eingelegten Lanze aufgespießt – galoppiert auf einem Pferd, das zur Hälfte bereits nur noch Skelett ist, durch die Gegend. War Kubin also eher ein "Spezialist des Traums", wie Ferdinand Avenarius meint, ein Zeichner, der versuchte, "traummäßig zu gestalten", Alp- und Angstträume?

Kubin hat den Traum, der uns jede Nacht besucht, in einer nackten, maskierten femme fatale personifiziert, deren Arme in sensenförmigen Flügeln endigen, deren Beine unterhalb des Knies behaarte Fühler sind. Der Flügelschlag dieser Figur des Traumes wirkt bedrohlich – vielleicht hat Kubin hier den Tod dargestellt, der sich in eine Frau verwandelt hat. Eine Vorstellung, die in der Kunst des Fin de siècle geläufig war, das Weib, wie man damals sagte, als todbringende Circe, als Vernichterin des Mannes, im genauen Wortverstand: seiner Männlichkeit. Kubins "große babylonische Hure" sammelt Phallen wie andere Leute Briefmarken, ihre Glieder-Beute türmt sich zur Pyramide. Kastrationsfurcht, gesteigert zur Lebensangst, und im Falle Kubins kam noch eine übermächtige Vaterfigur hinzu, das ist nun Grund genug für eine weitere Erklärung für Kubins Kunst: Georg Hermann sah in ihr eine "Schaffenserlösung von der Lebensangst".

Die zitierten Autoren, denen sich einige andere anschließen ließen, waren unmittelbare Zeitgenossen des jungen Kubin; ihre Aufsätze, veröffentlicht in den Jahren 1903 oder 1904, spiegeln das Erlebnis der ersten Begegnung mit seiner Kunst. Kaum einer, der nicht erschrocken, peinlich berührt gewesen wäre von diesen Blättern, die bis an die "Grenzen des Darstellungsmöglichen" (Georg Hermann) vorstießen – und doch fühlten sich alle, wenngleich dies auch auf skandalöse Weise geschah, fasziniert.

Heute, ein Dreivierteljahrhundert später, nach Freud, Kinsey und Women’s Lib, wirkt Kubins zeichnerisches Frühwerk aus den Jahren 1899 bis 1904 nicht mehr in gleichem Maße anstoßerregend, aber immer noch beunruhigend. Ungefähr neunzig Zeichnungen – eine Auswahl, die fast alle wichtigen Arbeiten jener Zeit vereinigt, ergänzt durch einige Skizzenbücher, die Einblick geben in die Vorstufe der Bilderfindung – sind jetzt in der Staatlichen Kunsthalle Baden-Baden zu sehen. Die Ausstellung, zum hundertsten Geburtstag des Künstlers am 10. April, wird begleitet von einem opulenten Katalog, in dem die gezeigten Blätter ausgezeichnet reproduziert und ausführlich erläutert sind. Die wichtigen, für die Kenntnis von Kubins Frühwerk grundlegenden Texte (von Christoph Brockhaus) leiden allerdings durch eine Überzahl von Anmerkungen. Und gelegentlich findet man, was man gerne wissen möchte, weder da noch dort.

Die Frage, ob Kubin Künstlerphilosoph, Traumspezialist oder Lebensangstbiewältiger gewesen ist, hat sich inzwischen erledigt – jede dieser Vermutungen ist teilweise richtig. Soweit allerdings philosophische Überlegungen des Künstlers in sein Werk eingeflossen sind, empfiehlt es sich, so zu interpretieren, daß der Zusammenhang von Kubins philosophischen Einfällen mit der zeichnerischen Ausdeutung verständlich bleibt.