In der noch scheinbar heilen Welt der fünfziger Jahre, in deren zweiter Hälfte ich selbst das Amt des Generalbundesanwalts innehatte, wäre eine Mordtat, wie sie jetzt an Generalbundesanwalt Siegfried Buback verübt wurde, völlig unvorstellbar gewesen. Auch jetzt noch – Tage nach der bösen Tat – stehe ich fassungslos vor der Tatsache, daß ich, der fast zwanzig Jahre Ältere, unter dessen Führung Siegfried Buback im Jahre 1959 als "junger Mann" in der Bundesanwaltschaft zu dienen begonnen hat, gebeten bin, für meinen ermordeten Nachfolger einen Nachruf zu schreiben. Ich tue es mit Schmerz, weil er mir persönlich nahestand, und tue es mit Stolz, weil er das Amt des Generalbundesanwalts beispielhaft geführt hat.

"Gesamtbilanz sorgenvoll", schrieb Siegfried Buback zu Anfang dieses Jahres in seinem letzten Brief an mich, an dessen Schluß er sich selbst das Programm setzte: "Wir wollen unsere Aufgaben mit vollem Einsatz wahrnehmen, solange unsere Kräfte dies hergeben."

Jetzt wurde ihm der letzte Einsatz abverlangt. Siegfried Buback ist – man kann es ohne falsches Pathos sagen – im Dienste des Vaterlandes gestorben. Vor den Augen einer hilflosen Öffentlichkeit wurde er von den verbrecherischen Desperados unserer Zeit ermordet. Er ist auf dem Felde der Ehre gefallen. Bewußt gebrauche ich das althergebrachte Wort für den Tod des Soldaten in der Schlacht. Denn für ihn und seinesgleichen galten, und gelten noch die alten Werte und Worte, die einen Mann in die Pflicht binden und ihn auszeichnen – im Leben und im Tod.

Das Beste, das ich über ihn sagen kann, heißt: Er war ein Mann. Tapfer und mutig, unerschütterlich, willensstark, furchtlos, völlig unberührt von der Hysterie der Zeit und der Zeitgenossen und bei all dem von innerer Heiterkeit. Seinen Mitarbeitern war er in Treue verbunden, und er hat den Schild der eigenen Verantwortung immer vor sie gehalten. Besonnen und nüchtern hat er seine Aufgabe ins Auge gefaßt, für die er in der deutschen Rechtsgeschichte kein Vorbild fand; er hat sie im Bewußtsein der Verantwortung für Gegenwart und Zukunft zu lösen versucht.

Ihn wie uns alle schreckte die Erinnerung an die sinnlose Grausamkeit Hitlers, die es uns heute schwermacht, die Härte aufzubringen, die die Verteidigung und Wahrung des inneren Friedens notwendig und unvermeidlich macht. Die halbirren, unreifen, feigen Meuchelmörder sind die wahren Nachahmer und Nachfolger der braunen Verbrecher; sie wollen Männer wie Siegfried Buback aus dem Weg räumen, die im Kampf stehen, um das Recht wieder als Waffe des Friedens in Kraft zu setzen.

Ich glaube nicht ohne Grund, daß ich mit dem toten Siegfried Buback einig bin, wenn ich die Anspannung der Kraft, die wir von uns selbst verlangen müssen, nicht nur als größere Härte verstehe. Härte allein, ohne menschliches Maß, ist kein wirksames Heilmittel gegen Verbrechen. Im Übermaß ist sie schädliches Gift. Nicht die Härte allein verbürgt den Frieden im Staat, sondern die wohlüberlegte, gleichmäßige Gerechtigkeit, die sich in ihrem Maß auf das Notwendige beschränkt, so daß sie in ihrer Vernunft auch dem Schuldigen glaubwürdig sein kann.

Die politische Kriminalität unserer Tage hat einen unverkennbaren Zug von geistiger Verwirrung und Besessenheit. Die Gefahr, daß dieses pathologische Element auf die Terroristen-Verfahren und diejenigen, die sie führen, übergreift, ist unverkennbar und in dem Schrei nach nur mehr Härte und steter Verschärfung offenkundig. Dabei ist es uralte Weisheit, daß die größte Härte nicht etwa die wirksamste Gerechtigkeit verbürgt. Gerechtigkeit hängt entscheidend vom rechten Maß ab.