Von Paul O. Vogel

Ich finde es nobel, daß die ZEIT dem Sprecher des Hamburger Senats die Chance gibt, sich mit dem Beitrag von Herbert Rhiel-Heyse in der Süddeutschen Zeitung vom 7. April auseinanderzusetzen, in dem der Verfasser feststellt, Hamburg wolle sich dadurch zur Metropole mausern, daß es sich "ständig selbst auf die Schulter klopft".

Er hat ja recht, um es gleich vorweg zu sagen. Die Hamburger fühlen sich nicht wohl bei diesem Geschäft. Sie haben es durch Jahrhunderte aus guten Gründen peinlich vermieden, die Nachbarn auf die Werte der Stadt an Elbe und Alster zu stoßen. Sie fanden das unnütz, denn sie selbst wußten ja, was sie hatten. Sie fanden es unpraktisch, denn das weckte Neid und Begehrlichkeit, und solche Antriebskräfte in der mächtigen Nachbarschaft einer kleinen Stadtrepublik konnten gefährlich sein. Sie fanden es unfein, denn es entsprach nicht der geschätzten englischen Art, über sich selbst zu reden.

Noch vor zehn Jahren fragte ein Hamburger Staatsrat, also ganz hoch im Rang, um das Ansehen der Stadt sehr verdient und obendrein gebürtiger Hamburger, den Verfasser dieser Zeilen, den Städtischen Ausrufer damals wie heute, wieso er denn zu der Meinung komme, Hamburg müsse für sich selbst werben; das habe Hamburg noch nie getan, und die Fremden seien dennoch gekommen.

Man kann es sich gut vorstellen, wie es dem Reporter der Süddeutschen Zeitung, die in Hamburg ob ihrer Liberalität und Weltoffenheit so viele Freunde hat, bei der Arbeit an seinem Artikel gegangen ist. Er saß vor seinen Notizen, die er in tagelanger Recherche in Hamburg gesammelt hatte, im Ohr noch die Hamburg wohlgesonnenen Worte, mit denen ihn sein Chef, selbst ein seebefahrener Mann, von München aus in den Norden geschickt hatte, im Reporterherz den festen Entschluß, der Stadt an der Elbe Gerechtigkeit angedeihen zu lassen. Aber es ging nicht; da war die Frauenkirche, der Charme von Schwabing, die fröhliche Laune im Rathaus, das goldene Herz der Münchner – es mußte den Hamburgern gesteckt werden, daß sie sich übernommen haben, daß es nix ist mit der Metropole, mit der "Szene", mit der Kultur, mit der Größe, mit dem Weltformat. Weg, ab, zurück in den grauen Nieselregen; Banken und Versicherungen ok, auch Schiffe und die Reeperbahn – aber sonst ist es Anmaßung.

Da sitzen die Hamburger nun und haben es die ganze Zeit dunkel geahnt: Der "Dom" ist nicht die Wies’n, Golfspiel ist kein Ersatz für Fingerhakeln, Eppendorf kann sich mit Schwabing nicht messen, in St. Pauli kann man nur miese Photos machen und in Giesing nur schöne, das Congreß-Centrum kostet Zuschuß Und das Olympia-Gelände ... also, es versteht schon ein jeder, wie sehr sich die in Hamburg übernommen haben. Und den Everding sind sie los, der geht nach München, der Liebermann ist ja schon vorher nach Paris, der Gründgens ist auf den Phillipinen gestorben, die Beatles haben sie auch nicht gehalten ...

Ich finde, es ist ganz einfach albern, die Debatte um große deutsche Städte und um ihre Zukunft – und Städtewerbung entscheidet über ein Stück dieser Zukunft! – auf diese Weise zu führen und fortzusetzen. Was soll damit erreicht werden? Hamburg hat nicht die Absicht, München die Qualität einer Metropole abzusprechen. Die hat München ebenso wie Hamburg; die Faktoren, die darüber bestimmen, sind objektiv feststellbar, sie stehen jenseits von Glosse und Feuilleton. Journalisten sind nicht von Hamburg gebeten, vergleichende Werbung zu betreiben. Um was es geht, ist dieses: