Nichts ist einleuchtender als ein Vorschlag, der das Angenehme mit dem Nützlichen verbindet. Beispielsweise: Weniger arbeiten, genausoviel verdienen wie bisher und mit diesem "Opfer" noch dazu beitragen, daß die Arbeitslosigkeit beseitigt wird.

Was Wunder also, daß in der Betriebsversammlung der Opel-Werke in Rüsselsheim Einstimmigkeit herrschte, als aus dem Kreis der Vertrauensleute der Industriegewerkschaft Metall dieser Vorschlag kam. Nun sollen, so wollen es jedenfalls die Opel-Arbeiter, die Delegierten des Gewerkschaftstages im Herbst den Vorstand der IG Metall beauftragen, für die 35-Stunden-Woche zu kämpfen – mit vollem Lohnausgleich natürlich. Die bislang theoretisch geführte Diskussion, ob man durch eine Verkürzung der Arbeitszeit die Arbeitslosigkeit beseitigen könne, soll also in die Praxis umgesetzt werden.

Der Übergang vom Acht-Stunden-Tag auf den Sieben-Stunden-Tag, wie in Rüsselsheim gefordert, würde allein die Lohnkosten um 12,5 Prozent erhöhen; von den übrigen Kosten, die durch Mehreinstellungen anfallen, ganz zu schweigen. Das ist mehr, als selbst die gut verdienende Automobilindustrie heute verdauen könnte.

Das weiß auch Heinz Oskar Vetter, der Vorsitzende des Deutschen Gewerkschaftsbundes. Als er vor einem halben Jahr als letzten Ausweg zur Beseitigung der Arbeitslosigkeit die Arbeitszeitverkürzung in die Diskussion brachte, meinte er etwas verklausuliert auch, daß damit ein Lohnverzicht verbunden sein könne, ein Solidaritätsopfer der Arbeitenden zugunsten der Arbeitslosen.

Die Vorsitzenden der Einzelgewerkschaften kannten jedoch die Stimmung an der Basis offenbar besser als der DGB-Chef. Ein Lohn verzieht, so lautete fast unisono das Echo, komme überhaupt nicht in Betracht.

Damit ist aber die Frage noch nicht beantwortet, ob eine Arbeitszeitverkürzung tatsächlich ein Patentrezept gegen die Arbeitslosigkeit ist. Theoretisch bringt eine Arbeitszeitverkürzung um eine Stunde in der Woche rund 625 000 Menschen Beschäftigung. Das hat das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung bei der Bundesanstalt für Arbeit errechnet.

Aber läßt sich Arbeitszeit zuteilen wir Butter in der Kriegszeit? Die Rechnung stimmt eben nur in der Theorie. Was nützt es, wenn die VW-Arbeiter weniger arbeiten? Der Buchhalter in Leer oder die Kontoristin in Passau, die heute Arbeitslosengeld oder Arbeitslosenhilfe bekommen, haben damit noch keinen Arbeitsplatz.