/ Von Karl-Heinz Janßen

Buback hin, das hat Sinn!" schmierten unbekannte Sympathisanten der Karlsruher Mörder an Hamburger Hauswände. Pubertäre Gedankenlosigkeit und Renommiersucht oder gezielte Propaganda einer, linksradikalen Untergrundorganisation?

Herbert Marcuse, philosophischer Lehrmeister der Studentenrebellen, die vor nunmehr zehn Jahren aus den Hörsälen auf die Straßen der westlichen Großstädte strömten, wandte sich schon 1972 angewidert von jenen Sprößlingen der Neuen Linken ab, die mit Bomben und Bleikugeln revolutionäre Zustände in der Bundesrepublik herbeiführen wollten – "Schwachsinn", lautete sein lakonischer Befund. Doch mag die Bluttat vom Gründonnerstag der überwältigenden Mehrheit unseres Volkes, selbst den revolutionssüchtigen Marxisten, Leninisten, Trotzkisten. und Maoisten noch so sinnlos vorkommen, nach dem Selbstverständnis der internationalen Terroristen aus den Land-, Stadt- und Kaderguerilgas sind Mordanschläge durchaus sinnvoll.

Nach Bankraub, Bombenanschlägen, Entführungen, Geiselnahme und Fememord hat der Terrorismus in Deutschland mit dem Attentat auf einen der höchsten Staatsbeamten eine neue Qualität erreicht. Aber auch diese Variante gehörte von Anfang an zum ideologischen Konzept der deutschen Stadtguerilla. Einer ihrer Theoretiker, der Berliner Rechtsanwalt Horst Mahler – er ist in der Haft zu den Maoisten konvertiert und hat den Untergrundidealen inzwischen abgeschworen – schrieb 1971 in seiner (verbotenen) Schrift "Über den bewaffneten Kampf in Westeuropa" mehrere Seiten einzig über das Problem des Individualterrors. Über das Ziel ließ er seine Leser nicht im unklaren: Terror soll Angst erzeugen. In den Worten Mahlers: "Noch schneller wird die Auflösung der Moral in den Institutionen der vorgeschalteten Repression‘, in den Verwaltungsbehörden, vor sich gehen, wenn allenthalben die anonymen, feigen, blutleeren und einfallslosen Routiniers der administrativen Repression für ihre volksfeindlichen Handlungen zur Verantwortung gezogen werden. Die Guerilla wird dabei nach dem Grundsatz verfahren: gestraft Einen und erzieht Hunderte!"

Eine deutsche IRA?

Siegfried Buback wußte, daß die Terroristen es auf ihn abgesehen hatten: "Wenn sich die Leute schon eine Zielscheibe aussuchen, dann mich." In den wirren Anweisungen, die der Häftling Andreas Baader im Stammheimer Gefängnis für seine Gefolgsleute außerhalb der Mauern entwarf, wurde dieser entschlossene und furchtlose Gegner der Terroristen als Inspirator einer "psychologischen Kriegsführung" bezeichnet, der es auf die Vernichtung der Inhaftierten abgesehen habe. Ihm wurden der Hungertod Holger Meins’, der Verbrennungstod des beim Anschlag auf die Stockholmer Botschaft schwerverletzten Siegfried Hausner und der Freitod Ulrike Meinhofs angelastet. Bomben- und Brandanschläge, mit denen Richter, Pflichtverteidiger und Justizminister demoralisiert werden sollten, hatte es seit 1972 schon mehrere gegeben. Aber noch nie war das Opfer so prominent, die Vergeltungsabsicht so unzweideutig gewesen wie jetzt in Karlsruhe. "Das ist ETA, das ist IRA", entfuhr es einem Kenner der europäischen Terrorszene.