Wie das europäische Wirtschaftsmagazin "Vision" in südamerikanische Hände geriet

Es begann – wie so manches teure Abenteuer – bei Maxim’s. An einem trüben Novembertag setzen sich in dem Pariser Nobelrestaurant Frankreichs Außenminister Maurice Schumann, Churchills Schwiegersohn Christopher Soames und Euratom-Präsident Louis Armand gemeinsam mit den Botschaftern Italiens und Englands an einen Mittagstisch. Sie waren Gäste des amerikanischen Verlegers William E. Barlow. Und für ihn hoben sie bei Trüffel, Loup und Dom Perignon ein neues Presseprodukt aus der Taufe: Vision, das erste europäische Wirtschaftsmagazin.

Mit seinen einflußreichen Paten gedieh das Baby prächtig: Drei Jahre nachdem in jenem Herbst 1970 die erste Ausgabe erschienen war, stieß das Monatsmagazin aus den roten Zahlen in die Gewinnzone vor. Vision hatte 1973 eine Auflage von 120 000 Exemplaren, ein Anzeigenaufkommen von 700 Seiten und eine von Londons Financial Times in Auftrag gegebene Marktuntersuchung ergab, daß Vision vor der amerikanischen Business Week und dem englischen Economist mit Abstand das von Europas Spitzenmanagern meistgelesene Blatt war.

Das Magazin erschien in vier Ausgaben, in vier Sprachen (Englisch, Französisch, Deutsch, Italienisch) mit identischem Inhalt. Es konnte nicht am Kiosk gekauft, sondern nur von einem bestimmten, angeschriebenen Personenkreis durch Unterschrift bestellt werden. Dafür erhielten diese Abonnenten das Magazin dann umsonst.

Doch heute scheint das erste europäische Wirtschaftsmagazin in die Einfluß-Sphäre eines lateinamerikanischen Staatschefs geraten zu sein, jenes Mannes, bei dem der IOS-Chef Vesco mit seinem erbeuteten Millionen und Amerikas Finanz-Phantom Howard Hughes Unterschlupf suchten: Nicaraguas Somoza Debayle, 51.

Von Anbeginn war das Schicksal der europäischen Vision an Südamerika gebunden. Der US-Mitbegründer von Vision, William E. Barlow, hatte seine Pressekarriere nach dem II. Weltkrieg als Anzeigenvertreter für das amerikanische Nachrichtenmagazin Time begonnen.

Im November 1950 startete er das erste Nachrichtenmagazin Lateinamerikas. Es hieß genau wie später das europäische Wirtschaftsmagazin Vision. Vision (die brasilianische Ausgabe in portugiesisch trug den Titel: Visao) war ein Erfolg. Die Auflage kletterte in wenigen Jahren über 200 000 Exemplare pro Woche. Der angesehene Expräsident Kolumbiens, Alberto Lleras, einer der wenigen Politiker Lateinamerikas, die ihr Amt ärmer verlassen als angetreten hatten, übernahm die redaktionelle Leitung. Und auf dieser soliden Basis begann William E. Barlow im Hinterhof Amerikas einen kleinen Konzern zusammenzuzimmern.