Mit einer Umsatzsteigerung von drei auf knapp vier Milliarden Mark hat die Ruhrgas AG in Essen 1976 ihre Expansion fortgesetzt. Das starke Gewicht dieses neuen Energieriesens, der bis 1985 jährlich 44 Milliarden Kubikmeter Erdgas verkaufen will, veranlaßte Bundeswirtschaftsminister Hans Friderichs, auch als Festredner kritisch zu sein. Zum 50jährigen-Jubiläum der Ruhrgas AG im letzten Herbst dozierte er mit Hinweis auf das Gutachten der Monopol-Kommission: Das überragende Gewicht des Unternehmens auf dem inländischen Gasmarkt sei ein "ordnungspolitisches Thema" geworden. Das Verantwortungsbewußtsein für Strukturfragen müsse, so verlangte er mit Nachdruck, mit dem Zuwachs an Macht Schritt halten, andernfalls ist ein staatliches Eingreifen unausweichlich.

Diesen drohenden Unterton mußte vor allem der Mann als recht hart empfinden, der sich gerade anschickte, den Chefstuhl der Gesellschaft zu erklimmen, die wegen ihrer besonderen Leistungen auf dem Energiemarkt in den vergangenen zehn Jahren heute ordnungspolitischen Anstoß erregt: Klaus Liesen, seit November Vorstandsvorsitzender der Ruhrgas. Der heute 45jährige hatte als engster Mitarbeiter seines Vorgängers Herbert Schelberger diesen ungeahnten Aufschwung des Unternehmens mitgetragen und als oberster Erdgaseinkäufer die Weichen für die nächsten Jahrzehnte gestellt. Vor seiner Tätigkeit bei der Ruhrgas war der Jurist Liesen Regierungsrat in dem Ministerium, dem Friderichs heute vorsteht, und er arbeitete dort ausgerechnet in der Grundsatzabteilung, der auch die "Ordnungspolitik" untersteht. Friderichs deshalb zu Liesen: "Sie sind kein Unbekannter für Ihre Bonner Gesprächspartner."

Der neue Ruhrgas-Boß hatte von Anfang an einen Job in der Wirtschaft angestrebt und Jura vor allem deshalb studiert, "weil man da eine lange Option hat und sich nicht sofort entscheiden muß". Nach einem knappen Jahr als Trainee bei der deutschen Unilever in Hamburg wechselte er 1959 ins Bundeswirtschaftsministerium mit der saloppen Devise, "das kann nicht schaden".

Da spielte der Zufall mit: Nach einem Vortrag im Energierechtlichen Institut der Universität Bonn wurde er gefragt, ob er Adlatus Schelbergers werden wollte. Er nahm an und gab den Beamtenstatus auf. Damit begann für ihn eine ebenso streßreiche, wie produktive Zeit mit viel Verzicht auf die Annehmlichkeiten des Lebens, denn Schelberger schenkte dem smarten und agilen Neuling nichts, aber er ließ ihm von Anfang an viel Freiheit: "Das einzige, was bei Schelberger nicht gefragt war, waren Ja-Sager."

Schon bald dürfte Schelberger in dem jugendlichen Liesen seinen Nachfolger gesehen haben. 1970 kam er als stellvertretendes Mitglied in den Vorstand und wurde mit dem wichtigen Ressort Gaseinkauf, Transport und Verkauf betraut – und von da an wußte er, daß er gute Aussichten hatte, an die Spitze aufzusteigen. Der erste Vertrag mit den Russen über den Bezug von jährlich zunächst vier Milliarden Kubikmeter Erdgas, der 1970 unter Dach kam, war zugleich die erste Bewährungsprobe Liesens.

Auch wenn Schelberger selbst der Verhandlungskommission vorsaß, so fiel Liesen bei den sehr zähen, aber betont sachlichen Gesprächen doch eine Schlüsselposition zu. Mit der Betriebsvereinbarung hatte das dann mit "großem Bahnhof in Essen unterzeichnete Vertragswerk 59 Seiten. Parallel kamen die Kontrakte über das Röhrengeschäft und den Milliardenkredit eines Bankenkonsortiums zustande. Als das erste russische Gas im Oktober 1973 in Waidhaus an der bayerisch-tschechischen Grenze ankam, hatte die Ruhrgas bereits den zweiten Vertrag über zusätzliche Mengen abgeschlossen, und ein dritter folgte nach demselben Modell ein Jahr später.

Das wachsende "Know-how", das man sich dabei aneignete, kam dann dem noch viel schwierigeren Dreiecksgeschäft mit dem Iran und Rußland zustatten, das 1975 abgeschlossen wurde. Liesen: "1969 hätten wir die Risiken solch eines komplizierten Handels nicht eingehen können." Denn die Perser liefern das Erdgas, das von 1981 an strömen soll, an der iranisch-russischen Grenze bei Astare am Kaspischen Meer ab, wo die Ruhrgas eine eigene Meßstation installiert – der Transport aber ist Sache der Russen, und sie haben das Recht, Partien auszutauschen und dafür ihr eigenes Gas nach Deutschland zu liefern.