Schon vor vielen Jahren erzählte ein junger, hochbegabter Arzt von einer Notwehr, zu der er Zuflucht genommen hatte: Er behandelte seine Patienten in einem Raum, dessen Wände gekachelt waren. Als Zeichen der außerordentlichen Begabung dieses Arztes durften die Artikel dienen, die er für die ZEIT schrieb. Weniger geschwollen ausgedrückt: Die Leser waren ganz scharf auf sie.

In den Jahren, von denen wir sprechen, war unser junger Doktor, dessen Spezialgebiet die Psychiatrie war, in einem weithin bekannten Sanatorium angestellt, dessen Besitzer und Chef ebenfalls hochbegabt war. Unter seiner Leitung fanden Abmagerungskuren statt, zu denen sich fürwahr nicht die armen, sondern die reichen Leute drängten. Diese brachte er, soweit die Witterung das zuließ, nicht in Zimmern unter. Im Gegenteil, er ließ sie in Laubhütten unterkriechen, die in seinem weiten Park verteilt waren. Er gab ihnen täglich dreimal Fruchtsäfte zu trinken, doch nichts zu essen, reineweg nichts. Dies war schon deshalb eine teure Kur, weil sie ärztlich genau überwacht werden mußte. Tatsächlich war die Sterbeziffer in diesem weltweit bekannten Sanatorium gleich null. Die Kurgäste kamen alt und fett und schlechtgelaunt und böse herein und verließen die Anstalt jung, schlank und guten Mutes.

Im Sommer belastete ihre leibliche Pflege den Etat des Sanatoriums sehr wenig. Ein kleines Fäßchen Obstsaft pro Kopf – was ist das schon! Im Winter, wenn der Park verschneit war und die Zimmer aufgemacht, durchlüftet und durchwärmt werden mußten, stiegen die Unterhaltskosten. Ob sommers, ob winters: zu jeder Jahreszeit wurde den Kurgästen an geistiger Nahrung das hinzugefügt, was ihnen an leiblicher entzogen wurde. Sie hatten sich eine Stunde vorn Schlafengehen im großen Saal zu versammeln, wo ihnen ein Rezitator Gedichte vorlas: nicht solche, von denen einem schlecht wird, sondern solche von früher, nämlich echte Poesie von Hermann Hesse und Hugo von Hofmannsthal und Rainer Maria Rilke, die ungefähr so gingen: "Und Kinder wachsen auf mit großen Augen. Und blonde Äpfel klopfen auf den Rasen. Und weise treibt der Fluß ins Weite / Und morgen wird die Sonne wieder scheinen."

Nicht nur, daß unser junger Arzt hin und wieder die Rolle des Rezitators übernahm, weil er eine schöne Stimme hatte und sehr gut aussah: seine Hauptaufgabe war, wie schon angedeutet, die Psychoanalyse, die "Seelenausmistung", wie er es nannte. Die Patientinnen oder Patienten lagen im gekachelten Zimmer auf der Couch und "quatschten, quatschten, quatschten", wie er es nannte. Und wenn unser Freund das einen Vormittag lang ausgehalten hatte, dann kam eine Krankenschwester mit Eimerchen, mit Lappen und Lysol. Wie der Arzt es ausdrückte: "Das können Sie mir glauben! Nach so ’nem Vormittag, da hängen die Dämönchen, die ausgetriebenen Teufelchen, an den Wänden. Früher ließen sie auf der Tapete beim Vertrocknen häßliche Flecke zurück, die wir nicht wegkriegten: den Gestank ja, die Flecken nicht. Jetzt waschen wir sie einfach ab."

Seit jenen glücklichen Tagen hat sich die Welt leider geändert. Zwar sind die Erkenntnisse größer geworden, doch dafür auch die Verhältnisse schwieriger. Auf der einen Seite ist längst medizinisches Allgemeingut geworden, was unser damals junger Doktor pionierhaft nach psychosomatischen Errungenschaften der Wissenschaft in die Praxis umsetzte; auf der anderen Seite haben Zement und Stahl gesiegt. Dort, wo unter Bäumen am murmelnden Bach die Laubhütten schimmerten, erheben sich heute Hochhäuser. Und so, wie man sagen kann, daß die Dämönchen einst nicht nur an den Kacheln vertrockneten, sondern auch durch die Zeltdächer entwichen in dem Maße, wie das Fett zurückging und die Seele siegte, kann man heute sagen: Die! Zement-Stahl-Glas-Architektur läßt den Dämonen nicht genug Ausschlupf. Es fehlt den Hochbauten jene Anlage, ohne die ein Verbrennungsmotor nicht laufen kann: der Auspuff. Ohne ein psychologisch wirkendes Absaugesystem, dessen Einbau für jedes mehr als fünfzehn Stockwerke zählende Gebäude gesetzlich vorgeschrieben werden sollte, können die Dämönchen nicht entweichen. Sie werden fett, werden ausgewachsene Dämonen, nisten sich in den Ecken ein, unter der Zimmerdecke, an den Wänden – Vorsicht vor Rauhputz! –, treiben schließlich frei in den Korridoren und den Treppenhäusern herum. Mag man die Idee unseres Doktors wieder aufgreifen und die Wände kacheln, so hilft ein Läppchen und ein Lysölchen nicht mehr; es müßte eine Dämonenabwasehanlage eingebaut werden. Die Bauunternehmer und Hochhausbesitzer können sich nicht darauf hinausreden, sie wüßten nicht, wie dem Dämonenüberdruck zu steuern wäre: Das Beispiel unseres jungen Arztes liegt vor. Sie scheuen die Kosten; das ist alles.

Dabei wissen wir Heutigen, die wir den Segen der Ökologie entdeckt haben, daß es notwendig ist, die Umwelt zu entschmutzen. Wir müssen jedoch weiter gehen: Wir müssen auch die Seelen säubern. Die Kirchen reichen nicht mehr aus. Wir müssen den Seelenschmutz dort bekämpfen, wo er entsteht: bei den Bürokraten, bei den Liebenden, bei den Ehepaaren, bei den Schulpflichtigen, bei den Babys. Oder um es punktuell zu sagen: in den Büros, in den Betten, an den Wiegen, in den Salons, in den Wohnstuben, auf den Klos.

Wem ist nicht schon aufgefallen, daß sich selbst feuersichere Hochhäuser im Laufe der Jahre verändern? Daß ihre Dächer schadhaft werden, sich heben und aufwölben, sich an. der Spitze öffnen und schließlich einem Berg ähneln, der in der deutschen Touristensprache "Vesuvio" heißt?