Von Eduard Neumaier

Die tschechoslowakische Bürgerrechtsbewegung "Charta 77" war zunächst nur schwer ideologisch angreifbar. Die Forderung nach Menschlichkeit stimmt wenigstens mit der kommunistischen Theorie überein, wenn auch nirgendwo mit der Wirklichkeit. wenigstens beteuerten die Sprecher der Charta immer wieder, daß ihre Gruppe keine politische Opposition sein wolle und die sozialistische Ordnung bejahe. Erst mit dem Dokument Nr. 7, das zum Zeitpunkt des Todes von Jan Patočka veröffentlicht wurde, verließen die Unterzeichner – mittlerweile mehr als 600 – die Kanzel erhabener Moral und begaben sich in die Arena der Politik.

Sie geißelten die Privilegierung politischer Parteitreue am Arbeitsplatz, sie bewerteten den ungewöhnlich hohen Anteil weiblicher Beschäftigter (jede zweite Frau ist berufstätig) als Ausdruck sozialen Zwanges und nicht als Indiz der Gleichberechtigung, sie sprachen von verdeckter Arbeitslosigkeit, von Nachlässigkeit und Unlust in den Betrieben. Dies alles führten sie auf das herrschende System zurück.

Man kann in der ČSSR die opportunistische Meinung hören: "Was in der Charta steht, ist richtig. Es haben nur die falschen Leute unterschrieben." Darin steckt ein wahrer Kern. Es nimmt diesem Vorwurf nichts von der Schärfe, daß sich neben den Wortführern des "Prager Frühlings" ein ungewöhnlich farbiger Haufen zusammengefunden hat: junge Idealisten mit trotzkistischen Gedanken, ehemalige Sozialdemokraten, euro-kommunistisch Inspirierte, Christen, Schwarmgeister, redliche Humanisten. Allerdings fällt auf, daß nur wenige Slowaken die Charta unterzeichnet haben.

Im übrigen sieht das Regime sehr klar, wohin die Stoßrichtung geht. Schon hat Außenminister Bohuslav Chnoupek vor westlichen Diplomaten die Schreckensvision ausgemalt, daß die humanitären Forderungen der Charta nur ein Vorwand seien – später würden ihre Anhänger den Meinungspluralismus und ein bürgerliches Mehrparteien-System fordern, schließlich den Austritt aus dem Warschauer Pakt und die Lösung der Kommunisten von Moskau, "ganz wie in Ungarn 1956". Oder ganz wie 1968.

An 1968 zu denken, wenn von Charta 77 die Rede ist, liegt nahe. Eine analoge Erscheinung ist die neue Bewegung gleichwohl nicht. Wenigstens drei Elemente fehlen ihr:

Erstens: Die Reformen von 1968 gingen von der Partei aus. In einem jahrelangen Prozeß waren die Ideen der Reformer erst in die Wirtschaft, dann in die Partei, parallel dazu in die intellektuelle Führungsschicht und die Studentenschaft und zum Schluß erst ins Volk getragen worden. Charta 77 ist in einer ganz anderen Situation: Sie wirkt von außen auf eine Partei ein, die sich völlig abriegelt. Die opportunistischen Bürokraten, die Techniker der Macht und die Ideologen stehen wie eine Phalanx. Unter den Charta-Anhängern gibt es Realisten, die diesen massiven Block nicht ignorieren; sie hoffen jedoch auf den Generationsprozeß in der Sowjetunion, der nach den Siebzigjährigen von heute im Kreml geschmeidige jüngere Polit-Manager an die Spitze bringen könnte. In den letzten Monaten fiel dabei oft der Name des 49 Jahre alten Konstantin Katuschew, des inzwischen allerdings ausgeschiedenen ZK-Sekretärs für Parteibeziehungen. Viele vertreten in Prag die Meinung, daß sich die Sowjetunion wandeln müsse, sonst werde es zwischen den von westlicher Kultur geprägten Staaten ihres Imperiums und dem moskowitischen Zentrum unausweichlich zum Konflikt kommen.