In Bayerns Hauptstadt sollen Polizisten mehr Kontakt zu Bürgern finden

Wenn Polizeihauptmeister Franz Amort, 49 Jahre alt, frühmorgens vor dem Fischbrunnen auf dem Münchener Marienplatz erscheint, dann packen die dort nachts lagernden Penner eilig die Wermutflaschen ein und verschwinden. Widerspruchslos räumen sie den Platz vor dem Rathaus, wo tagsüber Tausende von Touristen Münchens "gute Stube", die Fußgängerzone, bestaunen. Dies gelang dem Mann in Uniform, wozu sonst halbe Hundertschaften aufgeboten werden, mit einem schlichten Trick. Denn Amort, einer von 46 neuen "Kontaktbeamten", – kurz "Kobs" genannt – der Münchener Polizei, ernannte ganz einfach einen Wermutbruder zum "Oberpenner", der nun, seiner Führungsrolle ganz bewußt, allmorgendlich die auf sein Kommando hörenden Stadtstreicher in weniger frequentierte Nebenstraßen verscheucht.

Was Amort anwandte, ist nur einer jener psychologischen Kunstgriffe, mit denen Münchens Kobs ein völlig neues Verhältnis zwischen Polizei und Bürger schaffen sollen. Als zweite Stadt der Bundesrepublik und nach Berlin setzt München 46 Polizisten mittleren Alters und des mittleren Dienstes zwischen Altstadt und Schleißheim ein, um im Bereich der 325 000 Einwohner umfassenden Direktion Nord wieder Polizei in Nebenstraßen, Hinterhöfe und Kleingärten zu bringen. In einem überschaubaren und organisch zusammenhängenden Bereich, der meist nur ein paar Straßenblöcke umfaßt, sollen die Kobs eigentlich, jeden kennen, der irgendwie wichtig ist: Hausmeister, Kneipiers, Banker, Antiquitätenhändler, Rentner, Ganoven, Dirnen und jene stinknormalen Bürger, die ein friedliches Gespräch mit Polizisten nicht zu scheuen brauchen. Und wenn es wirklich einmal hart auf hart geht, dann kann der Kob über ein kleines Funkgerät Verstärkung rufen.

Das freilich soll die Ausnahme bleiben. Wenn morgens der auf täglich 20 Kilometer und ohne "Sohlengeld" kalkulierte Marsch des Beamten, der sich nur durch eine große Umhängetasche von seinen Kollegen im Funkwagen unterscheidet, beginnt, dann heißt seine wichtigste Aufgabe "Information". Beidseitig, versteht sich. Für ein paar Tips über die aufwendig lebenden Bewohner der Mansarde bekommt der Hausmeister kostenlos Rechtshilfe, und die Beschwerde über ein unnützes Parkverbot darf durchaus mit ein paar vertraulichen Hinweisen auf die Autowerkstatt im dritten Hinterhof garniert werden.

"Anfangs sind die Erwartungen bestimmt zu hoch", meint ein Beamter, der seinen Schwabinger Kontaktbereich erst einmal mit einem Vorstellungszug von Kneipe zu Kneipe eroberte. Seine ersten Kontakte mit Bürgern bestanden vorwiegend aus Beschwerden über Strafzettel von Parksündern und darin, "daß die Leute immer nur Geschichten über ihre Erlebnisse mit der Polizei erzählen". Was freilich nach Ansicht der Initiatoren des neuen Polizeimodells durchaus ein Erfolg ist. Immerhin führte Münchens Polizei die Kobs auch ein wenig aus schlechtem Gewissen ein, denn an dem Tag, als sie in den Straßen erschienen, wurden zehn kleinere Inspektionen zu fünf Großrevieren zusammengelegt.

Um Bürgernähe zu demonstrieren, sollen die Kobs wie Bürger auftreten. Was problematisch sein kann, denn ein Polizist mit Schirm im Platzregen oder eine Gruppe uniformierter Polizeibeamter beim Mittagstisch in der Eckkneipe des Kontaktbereichs – das sind Anblicke, an die sich der Münchner erst noch gewöhnen muß.

Und der immer erkennbare "wandelnde Kummerkasten" Kob auch. Der steht ohnehin an der Isar unter Erfolgszwang, seit aus Berlin nur Gutes über die neue Art der Polizei, mit dem Bürger umzugehen, verlautet.

Rolf Henkel