Essen: "Hans-Peter Feldmann"

Hans-Peter Feldmann, Jahrgang 1941, verschickte ein Jahr lang Postkarten mit Monatsmotiven, die so typisch waren, daß ihre Banalität schon wieder eigentümlich wirkte. Dann machte der Kunstraum München durch das dicke und doch ganz schlichte Buch "Bilder" auf ihn aufmerksam; darin waren die Photoserien zusammengefaßt, die ursprünglich als kleine Hefteben erschienen (Wolken, Knie, Betten, Schuhe, Gruppenphotos und so weiter). In seiner ersten Museumsausstellung jetzt sind auch Materialien zu weiteren Büchern ausgebreitet, zum Beispiel wird an Hand eines Familienalbums das Leben einer Alkoholikerin scheinbar dokumentiert; bei näherem Hinsehen zeigt sich, daß im abgebildeten kleinbürgerlichen Milieu und im Klischee, wie ein Erinnerungsbild auszusehen habe, das persönliche Leben sich schattenhaft verflüchtigt Flaugraue Vergrößerungen von Wunschbildern (Farbprospekten entnommen ohne deren verbale Verheißungen), fingierte Briefwechsel, in denen Emotionen nur durch Groschenwendungen greifbar werden, oder eine breite Mustersammlung aus den Billionen Bildern, die in Illustrierten prangen und in Schubladen schlummern – dergleichen verweist nicht nur auf Kitsch, Belanglosigkeit, Verlust der unmittelbaren Wahrnehmung durch ihre totale Arrangierbarkeit, sondern viel mehr, daß sie ohne Kommentar nichts sind. Eine Aktion verdeutlicht dies: Feldmann bat Zeitungen, das eine oder andere Trivialphoto kommentarlos zu publizieren, keine tat es; unsere Bilder sind nur noch "Bilder". An Stelle eines Katalogs wird "Eine Stadt: Essen" vorgelegt, 320 gänzlich unstilisierte und absichtlose, höchst unscheinbare Photos erwirken eine atmosphärische Selbstdarstellung einer gesichtslosen Stadt. Teilnahmslosigkeit und Beliebigkeit sind raffiniert vorgetäuscht, in Wahrheit wird mit verborgenen formalen Entsprechungen (etwa von Diagonalen bei Schornsteinen und Laternenpfählen) und psychologischen Rösselsprüngen gearbeitet (wie Telephonzelle – Kasse – Tor – Haltestelle). Im Gegensatz zu den meisten Medienkünstlern unterhöhlt Feldmann den Kunstbetrieb (Ein Händler, traurig: "Die Sachen sind billiger als das Porto dazu") und betreibt gleichzeitig eine versteckte Rehabilitierung der Kunst als primäre Wahrnehmungsart unter tausend "parallelen Bildwelten". (Museum Folkwang bis 24. April, Bildband 4 Mark) Georg Jappe

Hamburg: "Photographie zwischen Daguerreotypie und Kunstphotographie"

Der nüchterne Titel, läßt natürlich nicht die Erregungen ahnen, in die einen diese Ausstellung versetzt, welche Photos und aus welcher Zeit man auch anschaut: Porträts von höchster Eindringlichkeit, realistische Szenen und malerische Chamois-Idylle, Landschaften, Seestücke und Arrangements von großer Künstlichkeit, farbige Abenteuer (durch das Elektronenmikroskop aufgenommen) und photographische Gemälde per Gummidruck, Gesichter und Gewänder – und so weiter. Nicht die Vielzahl ist das eigentlich Spannende, sondern die Vielfalt, nicht zuletzt die Beobachtung, wie sich die Photographie allmählich aus der Stimmungs- und der Denkwelt der Malerei befreit und (kräftig stimuliert durch die verbesserte Optik und Mechanik der Apparate und die chemischen Erleichterungen in der Dunkelkammer) sich selber und dabei ihre vielen neuen Spielarten zu entdecken und zu entfalten beginnt. Der Untertitel dieser ganz außergewöhnlich schönen und bewegenden (und unter der Hand lehrreichen) Ausstellung müßte heißen: Die Sammlung Kempe. Mit ihr hat jetzt, im hundertsten Jahr seines Bestehens, das Museum für Kunst und Gewerbe eine neue Abteilung gegründet. Zwar geht die Sammlung zurück auf zwei Kollektionen vom Anfang des Jahrhunderte, aber systematisch hat sich um sie erst Fritz Kempe gekümmert, in seiner Zeit als Direktor der Staatlichen Landesbildstelle in Hamburg von 1949 bis 1975: ein hervorragender Kenner, selber ein bemerkenswerter Photograph, also jemand, der dem Metier nicht nur mit Gewissenhaftigkeit gedient hat, sondern ihm mit Leidenschaft zugetan ist. Was damit gemeint ist, spürt man nicht nur in dieser Ausstellung (die nur einen kleinen Teil der zweihunderttausend Bilder und der vielen hundert Geräte zeigt), sondern auch bei der Lektüre des Katalogs, besonders bei der mit journalistischem Temperament erzählten Photographie-Geschichte. (Museum für Kunst und Gewerbe bis 22. Mai, Katalog 12 Mark) Manfred Sack

Wichtige Ausstellungen:

Baden-Baden: "Francis Morellet" (Staatliche Kunsthalle bis 1. Mai, Katalog 23 Mark)

Berlin: "Kenneth Snelson – Skulpturen" (Neue Nationalgalerie bis 8. Mai)