Von Fritz j. Raddatz

Eine Biographie mit dem Temperament eines Telephonbuchs. Ziemlich zuverlässige "facts and figues"– aber keine Figur. Das Wesentliche bei einer Biographie ist ja nicht so sehr, wie der Autor seine Gestalt einstuft, ob er sie kritisch oder emphatisch oder – wie Sartre in seiner Flaubert-Studie – als Spiegelbild des eigenen Selbst sieht; das Wesentliche ist, ob sich eine Beziehung zwischen dem Schöpfer und seinem Geschöpf entwickelt, hat, ob "etwas geschehen" ist. Eine Biographie schreiben ist ein erotischer Vorgang.

Der hat hier offenbar nicht stattgefunden. Damit ist das Buch von –

W. O. Henderson: "The Life of Friedrich Engels"; Frank Crass, London, 1976; 2 Bände, 388 und 448 S., je 12 £

von brävlichem Grau, hären, streng – und ohne Leben. Man hört sehr viel von Engels, aber man sieht ihn nicht. Mr. Henderson baut nie eine Szene, wechselt nie den erzählerischen Rhythmus, ja, er erzählt überhaupt nicht, er berichtet. Selbst seine stilistische Anspruchslosigkeit verrät diesen Ansatzpunkt: In einem einzigen Unterkapitel beginnen sieben Absätze hintereinander mit "Engels described...", "Next Engels gave an account...", "Engels argued...", "Engels discussed...", "Engels concluded...", "Engels discussed...", "Engels stated...", "Engels condamned...",

Von der Antwort des Pietistenzöglings auf die Frage "Wer war Goethe?" – "Ein gottloser Mann" über die Teilnahme des jungen Elberfelder Kaufmanns an spießbürgerlichen Literaturkränzchen, in denen man Tee trank, sang und eigene Texte las, bis zu den Champagner-Diners des schwerreichen Kommunisten-Rentiers in England oder den opulenten Weihnachtsvorbereitungen, bei denen gebacken und gebraten wurde wie für eine Armee – es gibt weiß Gott genug Farbiges im Leben des Friedrich Engels; aber Henderson mißachtet solche Farbtupfer, er bedient sich ihrer nicht einmal, und so entsteht kein Bild.

Das Resultat ist merkwürdig: Die Summe vieler richtiger Details ergibt ein falsches Bild. Ein Buch, das lediglich als Referat konzipiert ist, bleibt letztlich sogar ein unzuverlässiges Referat; viele Sonderbarkeiten im Hin und Her von Leben und Politik des Friedrich Engels bleiben auf diese Weise unbeleuchtet. Das geht – leider – ziemlich weit. Der spektakulärste Umstand in der Freundschaft zwischen Marx und Engels war zweifellos der uneheliche Sohn Frederick von Marx’ Haushälterin Helene Demuth. Wie verschiedene andere Publikationen zitiert auch Henderson den berühmten Brief von Louise Freyberger an August Bebel, in dem Marx die Vaterschaft zugesprochen wird. In einer Fußnote berichtet Henderson außerdem korrekt, copy of this letter is in the Bernstein-papers in the International Institute for Social History, Amsterdam". Was er aber nicht berichtet, ist, daß es kein Original dieses wichtigen Briefes gibt – in Amsterdam liegt eine unautorisierte, nicht unterschriebene Schreibmaschinenabschrift. Henderson war offenbar nie dort. Aber in derlei Details liegt eben der Teufel, will sagen: Ein Lebensbild kann nicht aufblühen ohne sie. Denn, trotz aller Wahrscheinlichkeit: bewiesen ist nirgendwo, daß Marx der Vater von Frederick Demuth war. Hendersons Dürr-Chronik gerät hier in Gefahr, Treibsand zu werden.