Maos Modell für die Dritte Welt

Von Iring Fetscher

Die beiden Verfasser legen eine gründliche, umsichtige und ausgewogene Untersuchung über den Zusammenhang von Wirtschaftswachstum und Wirtschaftssystem in China vor. Sie teilen die Entwicklung seit 1949 in sechs Unterabschnitte und zeigen für jeden – so gut es die Quellen erlauben – die Ausgangslage und die Wirkung der getroffenen Maßnahmen der Regierung und der Partei.

Jiří Kosta, Jan Meyer: "Volksrepublik China. Ökonomisches System und wirtschaftliche Entwicklung"; Europäische Verlagsanstalt, Köln 1976; 29? Seiten, 28,– DM.

Die ungemein schlechten Ausgangsbedingungen (Das Pro-Kopf-Einkommen der Chinesen machte 1933 nur ein Viertel des russischen im Jahre 1917 aus.) sowie die Zerstörungen (und Demontagen) des Krieges werden schon in der ersten Phase – "der Rekonstruktionsperiode" von 1949 bis 1952, weitgehend überwunden. In kurzer Zeit werden die Vorkriegshöchststände der Agrar- und Industrieproduktion wieder erreicht, die Bodenreform (Landverteilung an 300 Millionen Kleinbauern und Landarbeiter) zerstört den parasitären Großgrundbesitz und die Teil Verstaatlichung der Industrie hemmt nicht deren forcierte Entwicklung.

"Kampf zweier Linien"

Es folgt die Beschreibung des ersten Fünfjahresplans (1953–1957). In diesem Zeitraum wurde das sowjetische Industrialisierungsmodell weitgehend kopiert. Ein außerordentlich hohes Wachstumstempo der Wirtschaft wird zwar noch heute von sowjetischen Kommentatoren als Beweis der "Richtigkeit" dieses Weges angesehen, aber bald zeigten sich auch erhebliche Schattenseiten: die Landverteilung hat – ähnlich wie in Rußland – zwar zunächst die Klassen Verhältnisse auf dem Dorf zugunsten der Klein- und Mittelbauern verändert, aber die vermehrte Belieferung der Städte mit Agrarprodukten erschwert. Außerdem nahm bald die Zahl der – relativ wohlhabenden – Mittelbauern überdurchschnittlich zu (nach einem Bericht waren es 1954/55 61,4 Prozent).

Maos Modell für die Dritte Welt

Auseinandersetzungen um die einzuschlagende wirtschaftspolitische Strategie scheinen gewisse Ähnlichkeiten mit der Kollektivierungsdebatte in der Sowjetunion (zwischen Bucharin, Trotzki und Preobraženski) gehabt zu haben. Liu Schao-tschi trat für den Vorrang der Mechanisierung, Mao (wie die sowjetische Linke) für den Primat der Kollektivierung ein. Offiziell verlief die Kollektivierung (über drei Arten von zunehmend sozialistischeren Genossenschaftstypen) in China ohne Zwang, aber vermutlich gab es doch hier und da administrativen Druck. Der Widerstand der Bauern zwang auch die chinesische, wie zuvor die sowjetische, Führung zur Wiederzulassung eines Stückchens privaten Hoflands, auf dem Gemüse gezogen und Vieh gehalten werden, darf. Ein anderes Problem, das mit dem sowjetischen Modell nicht gelöst werden konnte, war die überstürzte Verstädterung (durch den ungleichen Lebensstandard zwischen Stadt und Land bewirkt) und die latente und manifeste Arbeitslosigkeit (die von einigen Experten auf 29 bis 35 Millionen geschätzt wird).

Der "Kampf zweier Linien" – der Liuistischen und der Maoistischen –, der schon während des ersten Fünf jahresplanes begonnen hatte, setzt sich während der Periode des "Großen Sprungs nach vorn" (1958–1960) fort. Jetzt kommt es zur entschiedenen Abkehr vom sowjetischen Entwicklungsmodell. Ein Schritt, der in vielen Darstellungen lediglich als Folge des Sieges der Mao-Gruppe über die Liu-Gruppe hingestellt wird, während die Verfasser des vorliegenden Buches sich bemühen, die objektiven Ursachen (oder doch Anlässe) für diesen wirtschaftspolitischen Kurswechsel ins Licht zu rücken.

Die Bildung von Volkskommunen, der Bau von "Hinterhofhochöfen", die Industrialisierung der Landwirtschaft, die Ersetzung materieller durch vorwiegend moralische Anreize, viele dieser Maßnahmen erwiesen sich als ein Fehlschlag. Die Produktion auf dem Agrar- wie dem Industriesektor ging zurück. Mißernten (durch klimatische Umstände verursacht) und der Abzug von 1390 technischen Experten aus der Sowjetunion (1960) (und einer ganzen Anzahl aus den anderen sozialistischen Ländern) können nach Meinung der Verfasser nicht allein für diesen Rückschlag verantwortlich gemacht werden. Jedenfalls aber wird der Mißerfolg von der Liu-Gruppe genutzt, um den Einfluß der Maoisten zurückzudrängen. Die Volkskommunen werden reorganisiert, der Fünfjahresplan wird suspendiert, eine "Konsolidierungsphase" (1961–1965) bringt unter pragmatischer Leitung erneut rasches Wirtschaftswachstum.

Diesmal erfolgt der Übergang zur nächsten Phase nicht aus ökonomischen Gründen, vielmehr kommt es zu einer immer heftigeren Auseinandersetzung der beiden Richtungen innerhalb der KPCh um den "richtigen Weg zum Sozialismus".Die "beiden Linien" – die "technokratische, expertenfreundliche" Lius und die "radikal-egalitäre" Maos – stehen sich unversöhnlich gegenüber. Mao, der in den frühen sechziger Jahren offenbar mehr und mehr an Einfluß verloren hatte, mobilisiert die Jugend und später die Volksbefreiungsarmee, um seine Gegner aus ihren Machtpositionen zu verdrängen. Demokratisierung und Egalitarismus werden in die Praxis umgesetzt. Die Wirtschaft erleidet abermals schwere Verluste (die jedoch hinter denen des "Großen Sprungs nach vorn" zurückbleiben).

In der Periode nach der Kulturrevolution (1970–1975) wird dieser Rückschlag rasch wieder aufgeholt. Abermals kommt es zu einer Art Konsolidierung, ohne daß jedoch – zunächst – die wichtigsten Gegner Maos ihre alten Positionen zurückgewinnen würden. Die Maxime des "Gehens auf zwei Beinen" (nämlich Landwirtschaft als Grundlage, Industrie als wichtigster Faktor), die schon vor der Republikgründung in den befreiten Gebieten von der Roten Armee praktiziert worden war, ist jetzt allgemein anerkannt. Die "materielle Interessiertheit" wird zwar ideologisch nicht als "Errungenschaft" proklamiert wie in der Sowjetunion, spielt aber durchaus ihre (begrenzte) Rolle. Dezentralisierte und flexiblere Planungsmethoden und eine merkliche Anhebung des ländlichen Lebensstandards haben die Landflucht (mit behördlicher Nachhilfe) rückgängig gemacht. Trotz aller Bewegtheit der politischen und ideologischen Szene gibt es doch eine gewisse Kontinuität des chinesischen Weges seit 1957.

"Die strukturelle Entwicklung weist (jedoch) ein überproportionales Wachstum der Industrieproduktion bei nur mäßigem Wachstum der Agrarproduktion auf. Der landwirtschaftliche Sektor wird darum auch in Zukunft eine besondere Förderung erfahren müssen. Eine wesentliche Änderung der Strukturentwicklung unter Präferenz der Produktionsmittelindustrie bzw. des Maschinenbaus ist nicht zu erwarten..." Die Verfasser nehmen darüber hinaus an, daß "ein dauerhafter Industrialisierungs- und Modernisierungsprozeß ohne eine kontinuierliche außenwirtschaftliche Kooperation kaum möglich sein wird". Die Entwicklung der jüngsten Monate – seit Erscheinen des Buches – gibt offenbar den Autoren recht.

Erfolgreiche Entwicklung

Maos Modell für die Dritte Welt

Der besondere Wert dieser Studie, die sich auf alle im Westen erreichbare China-Literatur und auf eigene Erfahrungen auf einer China-Reise stützen kann, besteht in einer sonst nicht üblichen Kombination von nüchternen wirtschaftlichen Erwägungen und Berichten mit der Analyse politischer und ideologischer Aspekte des neuen China. Neben den Arbeiten anerkannter Kenner der China-Ideologie – wie Stewart S. Schram und Tileman Grimm – kann sich diese Arbeit von zwei Volkswirten getrost sehen lassen. Sie bietet eine wertvolle Ergänzung unserer Kenntnis und unseres Urteils über das neue China und sein eigenständiges Entwicklungsmodell. Wird es möglich sein, auf die Dauer Basisdemokratie und solidarische Verhaltensmuster an die Stelle von Bürokratismus und Konkurrenzbeziehungen der Menschen zu setzen? Mit dieser offenen Frage entlassen die Verfasser den Leser, wobei sie ihre nüchterne Sympathie mit ihrem Forschungsgegenstand so wenig verbergen wie ihre Vorliebe für die pragmatisch "gemäßigten Maoisten".

Das Fazit des Buches lautet: der Volksrepublik China ist es gelungen, den Hunger zu bannen; das Bildungsniveau der Bevölkerung wurde erheblich angehoben; die ärztliche Versorgung ist – dank der Barfüßerärzte – für ein Entwicklungsland ausgezeichnet. Selbst die Bevölkerungspolitik scheint erfolgreich zu sein. Mit all diesen Zügen hat sich China mit Abstand an die Spitze der Länder gestellt, die ein Industrialisierungsdefizit aufweisen.