Von Eckart Kleßmann

Mehr als ein Dutzend Romane hatte er schon geschrieben, aber der letzte, mit dessen Idee er sich fast zwanzig Jahre lang getragen hatte, schien sich ihm immer wieder zu entziehen. "I can’t get my teeth into the novel" ("Ich krieg’ den Roman nicht in den Griff"), schrieb er in einer Mischung von Resignation und Zorn. Und so blieb sein letztes Buch unvolldet –

Joseph Conrad: "Spannung – Ein Roman aus Napoleonischer Zeit", aus dem Englischen von Günther Danehl; S. Fischer Verlag, Frankfurt, 1976; 290 S., 28,– DM

Wie die Erlebnisse des jungen Engländers Cosmo Latham im Genua des Jahres 1815 ausgegangen wären, wir werden es nie erfahren. Über der ligurischen Küste liegt – unsichtbar und nur flüsternd angesprochen – der Schatten des Verbannten von Elba, der in Kürze zum Abenteuer der hundert Tage aufbrechen wird; Napoleons Erscheinung, die Phantasie der Küstenbewohner reizend, ist der geheime Mittelpunkt dieses unvollendeten Buches. Offenbar ging es Conrad um das Wagnis, im Handstreich den gestürzten Kaiser aus dem Exil zu befreien, aber das steht nur zu vermuten. Nicht zu vermuten aber ist, warum gerade dieser Stoff dem erfahrenen Erzähler solche Schwierigkeiten bereitete.

Die ersten Anregungen zu diesem Buch dürfte Conrads Mittelmeer-Aufenthalt 1905 geliefert haben. Aber erst 1921 beginnt er den Roman mit Lokalstudien auf Korsika. Dann schiebt er plötzlich ein anderes Werk dazwischen, den "Freibeuter" ("The Rover"), gedacht als Erzählung, vollendet im Juni 1922 als Roman. Auch dies ein Buch aus der Napoleonischen Sphäre, auch dies im Mittelmeerraum angesiedelt. Als Conrad am 3. August 1924 stirbt, liegt von "Spannung" immerhin ein Fragment im Umfang eines Romans vor; in seiner Erzählform fast in sich abgeschlossen, in der literarischen Qualität erstrangig, in der Handlung aber abgebrochen kurz vorm Höhepunkt. "Meine Abenteuer hatten nie einen Abschluß hatte Conrad Jahre zuvor geäußert.

Nicht nur "Dichter der See"

Das gilt für diesen unvollendeten Roman, und fast scheint es, als sollte das auch für das Unternehmen seines deutschen Verlages gelten, die vor nun fünfzehn Jahren begonnene Gesamtausgabe des erzählerischen Werks Conrads zum guten Ende zu führen. Seit 1962, da als erster Band die Neuübersetzung von "Lord Jim" erschien, sind fünfzehn Bände herausgekommen. Bis 1969 regelmäßig, dann in immer größeren Abständen, erst von zwei, dann von drei Jahren. Allein fünf Übersetzer haben sich darum bemüht, zwei Bände sind inzwischen vergriffen, aber ein Abschluß ist nicht in Sicht. Von den Romanen fehlt "Spiel des Zufalls", von den Erzählungsbänden fehlen sogar vier: "Taifun und andere Geschichten", "Land- und Seegeschichten", "Zwischen den Gezeiten" und "Geschichten vom Hörensagen" mit insgesamt fünfzehn Erzählungen. Außerhalb der Werkausgabe erschien –