Von Tilman Neudecker

Bislang galten Viren als die kleinsten, einfachsten und zugleich raffiniertesten Krankheitserreger. Nicht wirklich lebendig und doch auch nicht eigentlich tot, ist ein Virus im Prinzip nichts weiter als ein wenige tausendstel Millimeter langer Nukleinsäurefaden, umgeben von einer Schutzhülle aus Proteinmolekülen – gewissermaßen ein sorgfältig verpacktes genetisches Kuckucksei, in dessen Innern fatale Erbinformation schlummert. Diese genetische Information, verschlüsselt in der "Buchstabenfolge" (Nukleotidsequenz) des Nukleinsäurefadens, ermöglicht den Viren ihr charakteristisches, in der Natur einmaliges Piratendasein auf molekularem Niveau: in eine Zelle einzudringen, sich deren Leben quasi zu borgen, an die Stelle zelleigener Gene zu treten, und sich von der so umfunktionierten Zellmaschinerie vielhundertfach vermehren zu lassen.

Um als Virus-Erbsubstanz in diesem Sinne fungieren zu können, genügt im Extremfall ein vergleichsweise winziger, aus nur 3000 bis 4000 Nukleotiden zusammengesetzter Ribonukleinsäurefaden (RNS). Nur drei Gene, also die in der spezifischen Aufeinanderfolge einiger tausend Nukleotide verschlüsselte Anweisung an die Wirtszelle zur Synthese von nur drei Proteinen, benötigen die allerkleinsten, allereinfachsten Viren, sogenannte RNS-Phagen: Eines wirkt als Enzym und sorgt dafür, daß in der infizierten Zelle einige Dutzend Kopien der Virus-NRS produziert werden, die beiden anderen formen um jeden solchen neuentstandenen. Nukleinsäurefaden wieder eine entsprechende Schutzhülle – und schon steht, vielfach ver~~~~ neue Virusgeneration bereit, um in ~~ ~~~~ ~~~~~ das alte Spiel zu wiederholen.

Lange hatte es den Anschein, als seien jene primitiven RNS-Pargen das Nonplusultra an biologischer Simplizität im Grenzbereich zwischen belebter und unbelebter Materie. Anfang der siebziger Jahre aber sind amerikanische, kanadische und deutsche Wissenschaftler auf der Suche nach der Ursache bestimmter Pflanzenkrankheiten auf mysteriöse Erreger gestoßen, die offenbar keiner der bekannten Gruppen von Pathogenen, etwa Bakterien, Pilzen oder Viren, zuzuordnen sind, ja sogar den Viren inzwischen den Rang als kleinste selbständige genetische Objekte in der Natur abgelaufen haben.

Offensichtlich handelt es sich bei "Viroiden", so tauften die Entdecker ihren aufsehenerregenden Fund um einen vollig neun, bisher unbekannten Typ von Krankheitserregern, um Mikroben von ganz außergewöhnlicher, in ihrer Einfachheit geradezu grotesker Natur. Ein Viroid ist nämlich nichts anderes als "nackte RNS", noch viel kleiner als die RNS der kleinsten bekannten Viren. "Nackt" deshalb, weil diese RNS, ganz im Gegensatz zu den Verhältnissen bei Viren, völlig ohne irgendeine Schutzhülle vorliegt und dennoch Zellen infizieren, krank machen, und als Vervielfältigungsmaschinen benutzen kann, ganz wie echte Viren dies tun.

Schon durch ihre bloße Existenz als natürlich vorkommende Erreger bestimmter Pflanzenkrankheiten – Viroide befallen Kartoffeln, Citrusfrüchte, Gurken, Kokospalmen und Chrysanthemen – machten diese Neuentdeckungen den Molekularbiologen einiges Kopfzerbrechen. Liefern sie doch den überzeugendsten Beweis dafür, was unter, Virologen und Biochemikern lange Zeit als sehr unwahrscheinlich, ja fast ausgeschlossen galt? Daß nämlich einzelne Nukleinsäure-Moleküle, also kleinste Stücke genetischer Information, ohne jede Schutzhülle, wie sie für Viren so wichtig ist, nicht nur in unserer Umwelt zu "überleben" vermögen, sondern sich augenscheinlich sogar sehr erfolgreich als Krankheitserreger behaupten können.