In seiner ersten öffentlichen Rede seit dem Abschied vom Amte des US-Außenministers hat Henry Kissinger die amerikanische Regierung davor gewarnt, sich mit Moskau in "Redeschlachten" über die strategische Abrüstung einzulassen.

Als Gastprofessor der Washingtoner Georgetown Universität sagte Kissinger in seiner Vorlesung unter anderem: "Ob Rüstungsbegrenzungen in einem oder mehreren Schritten angestrebt werden sollten, ob dabei die Ergebnisse der Verhandlungen, die die Spitzen der beiden Länder während einer Reihe von Jahren geführt haben, berücksichtigt werden oder nicht, ist letztlich eine taktische Frage." Entscheidend, fügte Kissinger hinzu, ist die "unbedingte Notwendigkeit" einer echten Reduzierung. –

"Wir sollten uns nicht von gelegentlichen Enttäuschungen entmutigen lassen. Die haben wir auch schon früher erlebt. Das Problem ist so kompliziert wie die Technologie, die es ausgebrütet hat; seine Lösung ist schwierig und braucht deshalb viel Zeit.

Die Verhandlungen müssen in einem ruhigen und sachlichen Ton geführt werden, ohne selbstauferlegte Zeitbegrenzung oder Redeschlachten, bei denen das Prestige beider Seiten auf dem Spiele steht. Die Begrenzung des Waffenarsenals ist keine Vergünstigung, die die eine Seite der anderen einräumt. Sie ist eine grundsätzliche Notwendigkeit. Eine vernünftige, ausbalancierte Übereinkunft, die die Vorbehalte beider Seiten berücksichtigt, ist erreichbar. Bei ihren Bemühungen, ein Abrüstungsabkommen zustande zu bringen, sollte die Regierung von allen politischen Lagern unterstützt werden."

Zur sowjetischen Afrikapolitik meinte Kissinger: "Wie auch immer die Einzelheiten der gegenwärtigen Invasion Zaires zu bewerten sind, so steht doch außer Frage, daß der Angriff von einem Lande gestartet wurde, in den die Regierung mit Hilfe sowjetischer Waffen und den Truppen eines sowjetischen Vasallenstaates etabliert wurde. Ohne die materielle Unterstützung oder die Einwilligung der Sowjets hätte die Invasion weder begonnen noch fortgesetzt werden können – gleichgültig, ob nun kubanische Truppen anwesend sind oder nicht.

Solche unverantwortlichen Aktionen setzen einen gefährlichen Maßstab. Wenn künftig alle afrikanischen Probleme mit Hilfe von Waffen gelöst werden, die von außen hereingebracht werden, dann wird ein verheerender Rassenkrieg im südlichen Afrika immer wahrscheinlicher – mit allen ernsthaften Folgen für uns zu Hause und in der Welt.

Als erstes gilt es, mit unserer Stärke und Entschlossenheit klarzumachen, daß wir uns allen Versuchen entgegenstemmen werden, den sowjetischen Einfluß mit militärischen Mitteln oder anderen Formen des Abenteurertums auszubreiten. Zweitens müssen wir die sowjetische Haltung dadurch beeinflussen, daß wir die Sowjetunion zu einer konstruktiven Mitarbeit im internationalen System bewegen."

Zum Problem der Menschenrechte erklärte Kissinger: "Die Menschenrechte sind ein Thema der internationalen Diskussion ... Aber unsere Bemühung (um die Menschenrechte) muß in das ganze Mosaik unserer politischen Ziele eingefügt werden, damit sie im Zusammenhang mit allem anderen, was wir in der Außenpolitik unternehmen, einen festen Platz und den richtigen Sinn erhält."