Es war schön an der Weser zu Ostern. Die Kinder an der Hand und Goethes Faust im Sinn zog nach dem späten Sonntagsfrühstück mancher Familienvater in die weite Senke bei Grohnde, zu sehen, ob es dort nicht etwas zu erleben gäbe. Zum Osterspaziergang hatten initiative Bürger aufgerufen. Draußen auf der grünen Flur wollten sie erneut ihren Unwillen über den Bau von Kernkraftwerken artikulieren, auf österlich-friedliche Weise.

Mit dem Fahrrad trafen die Wetterfesten ein, auf dem Fußweg die festtäglich gekleideten Familien, viele passierten das Baugelände mit leicht gedrosseltem Tempo im Automobil. Wie ein Tableau breitete sich das bunte Geschehen vor den Touristen des Demo-Sightseeing aus, die, neugierig und ängstlich zugleich, Parkplatz und Aussichtspunkt auf den Höhen des östlichen Weserufers gefunden hatten, den Gottesdienst im Autoradio, die Politik auf tausend Meter Distanz.

Es gab für jeden etwas. Die 200 jugendlichen Kernenergiegegner verbreiteten ihre Osterbotschaft auf Handzetteln, Plakaten und mit allerlei Kurzweiligem. Ein Grohnder Bauer hatte 100 Eier gestiftet. Hartgekocht, beklebt oder beschriftet wurden sie den Schaulustigen geschenkt. Im Bauchladen lagen Broschüren bereit, Energiesparpläne, Dokumentationen über die Ereignisse am gleichen Platz drei Wochen zuvor. Topfkuchen, Nudelsalat, Ostereier und Aufkleber gingen bis zum Abend nicht aus.

Auf den "Osterspaziergang ums Atom-Ei" verzichteten nur wenige. Gemessenen Schrittes spazierten sie zwischen Baugelände und dem Acker, auf dem am 19. März die heftigen Auseinandersetzungen stattgefunden hatten.

Am Ostersonntag wirkte die festungsähnliche Anlage in Grohnde viel gefälliger als sonst. Zwischen Schneewolken und Sonne sah das weite Areal so recht.nach Zukunft aus, in seinen Farben auch nach Hoffnung. Rechtzeitig zum Festtag hatten die Kraftwerckonstrukteure den wehrhaften Doppelzaun noch verstärkt. Alle fünf Meter steht jetzt zusätzlich ein Betonpfahl.

Das Blutrostrot bekam einen lindgrünen Überzug, der grünen Feldsaat angepaßt, ein Ersatz für die jüngst abgeholzten Chausseebäume. An ihnen hatten junge Leute damals Flaschenzüge befestigt, der Zaun war zu Schaden gekommen. Jetzt klebten Poster am Draht: "Bürger schützt Eure Anlagen." Die Preußenelektra ließ sie bald wieder abnehmen, denn die Demonstranten deuteten den Text auf ihre Weise.

Viele hielten das österlich-bunte Gewimmel mit dem Photoapparat fest. Motiv Nr. 1: Jugendliche schräg vor einem Anti-Atom-Transparent, dahinter der Zaun, Polizisten, ein Wasserwerfer. Auch die Beamten knipsten fürs Erinnerungsbüchlein. Ihr Motiv: jeder.