Von Felix Spies

Vierhundertfünfzig Millionen Setzlinge hat die Companhia Siderurgica Mannesmann (CSM) im Südosten Brasiliens schon im Boden. Weitere 450 Millionen kleine Bäume wird das in der Nähe der Millionenstadt Belo Horizonte gelegene deutsche Stahlwerk erst noch pflanzen. Dann aber ist die CSM bei der Kohle-Versorgung autark: Ein sich stets erneuernder Eukalyptusbaum-Bestand von der vierfachen Fläche des Stadtstaats Hamburg wird von Mitte der neunziger Jahre an so viel Holz liefern, wie die Hochöfen in Barreiro in Gestalt von Holzkohle dann schlucken werden.

Die Expansion im Eukalyptus-Forst ist staatlich verordnet: Der stark dezimierte Waldbestand des eisenerzreichen Bundesstaats Minas Gerais soll wieder vergrößert werden. Die damit parallel gehende Expansion bei den Elektroofen und der Walzanlage in Barreiro ist dagegen freiwillig: Die Tochtergesellschaft des Düsseldorfer Stahl- und Röhrenkonzerns Mannesmann wird von 1978 an die Rohstahlerzeugung um ein Viertel auf jährlich 750 000, die Produktion von nahtlosen und geschweißten Rohren um ein Drittel auf 400 000 Tonnen steigern. Mehr noch: Die CSM, derzeit das fünftgrößte brasilianische Stahlwerk, will danach die Rohrerzeugung binnen zehn Jahren noch einmal verdoppeln.

Soviel Investitionslust bezieht Mannesmann-Chef Egon Overbeck, in der Bundesrepublik derzeit von einer veritablen Stahlkrise geplagt, aus der Einsicht in die "Potenz des Marktes": Brasilien, mit 110 Millionen Einwohnern fast sechsmal so groß wie die gesamte Europäische Gemeinschaft, will seine Rohstahlproduktion bis zum Jahre 1985 von derzeit zehn auf 35 Millionen Tonnen hochheizen. Zum andern aber bleibt dem Mannesmann-Boß, wie den übrigen 800 deutschen Unternehmern, die seit Kriegsende in Brasilien rund drei Milliarden Mark investiert haben, auch kaum eine andere Wahl: Wer nicht im brasilianischen Markt produziert und mit ihm wächst, der steht durch den rigorosen staatlichen Einfuhrstopp inzwischen fast hoffnungslos draußen vor der Tür.

Brasilien, obwohl im Besitz riesiger Vorkommen an Eisen-, Mangan-, Nickel-, Chrom-, Zinn- und Uranerzen, hat nämlich akuten Mangel an Devisen. Das Land, das keine ausreichende eigene Ölförderung und nur minimale Kohlereserven hat, wurde vom Ölpreisschock des Frühwinters 1973/74 härter getroffen als viele andere Staaten. Für die gleiche Menge eingeführtes Öl, für die es 1973 rund 700 Millionen Dollar gezahlt hatte, mußte es im Jahr darauf 2,9 Milliarden aufbringen. Und die Ölrechnung wurde noch größer: 1975 stieg sie auf 5,9 Milliarden Dollar, im vergangenen Jahr sogar auf 8,6 Milliarden.

Die Technokraten der Regierung in der Hauptstadt Brasilia sind dem Problem mit einem Sparprogramm zuleibe gerückt. Die Einfuhren wurden hart gedrosselt, die Erzeugung im Lande soll bei den wichtigen Produktgruppen stark erhöht werden. Paulo dos Reis Veloso, der Planungsminister der Militärregierung in Brasilia, hofft deshalb, daß sich beispielsweise das Defizit zwischen der Stahlnachfrage und der inländischen Produktion (1974: drei Millionen Tonnen) bis 1980 in einen Überschuß von 440 000 Tonnen verwandelt hat.

Keinerlei Rezept hat die Regierung bisher gegen die galoppierende Inflation. Im vergangenen Jahr erreichte die Teuerung fast fünfzig Prozent. Und gleichzeitig verkümmerte das zuvor erfreulich hohe Wirtschaftswachstum: Die zweistellige Expansionsrate sackte 1975 auf fünf Prozent ab, im Jahre 1976 sind es wohl noch weniger gewesen.