Von Gerd E. Hoffmann

"...und die Regierung sagt, das sei nötig, die Ordnung im Staat zu erhalten." Georg Büchner, 1834

Sehr geehrter Herr Bundespräsident! Ihre Aufforderung bei der diesjährigen Verleihung des Theodor-Heuss-Preises, sich mehr Gedanken über die Zukunft unserer Gesellschaft zu machen, ermutigt mich, diesen offenen Brief zu schreiben. Wir, das heißt die industrialisierten Gesellschaften gleich welcher Wirtschaftsordnung, haben uns bereits auf den Weg in die "Informationsgesellschaft" begeben. Diese Informationsgesellschaft wird maßgeblich geprägt von jener Erfindung, die wir undifferenziert Computer nennen.

Nach der Statistik einer internationalen Vereinigung der Versicherungswirtschaft mit Sitz in Genf gab es 1973 in den westeuropäischen Ländern 55 000 Computer, 1988 werden es nach Ansicht der Versicherungsfachleute 450 000 Computer sein, die in allen Bereichen unseres Lebens die Verhältnisse regeln helfen. Die Annahme, wonach innerhalb von fünfzehn Jahren die Zahl der Computer um mehr als das Achtfache zunehmen wird, macht schlaglichtartig darauf aufmerksam, wie schnell diese neue Technologie in unser aller Leben eindringt; wobei es gleichgültig ist, ob diese Zahlen genau stimmen oder nicht.

Uns darf jedoch nicht gleichgültig sein, daß sich diese ungewöhnlich schnelle Entwicklung über die Köpfe der Mehrzahl aller Bürger hinweg vollzieht, ihnen das Mitreden aus Unkenntnis über die gigantischen Möglichkeiten der Computer und über die von ihm ausgehenden vielfältigen Wirkungen unmöglich gemacht wird. Uns darf auch nicht gleichgültig sein, daß im vielgerühmten Wissenschaftszeitalter hilfreiche Untersuchungen zu den Folgen der Informationstechnologie bisher kaum vorliegen, ja, die meisten Fachbereiche sich noch gar nicht der zur Lösung anstehenden komplexen Problematik bewußt sind. Es darf außerdem nicht gleichgültig sein, daß ähnliche Unkenntnis und ähnlich mangelndes Problembewußtsein auch bei der Mehrzahl unserer gewählten, Politiker anzutreffen ist. Denn sie werden jetzt und künftig eine Vielzahl bildungspolitischer, kulturpolitischer, arbeitspolitischer, sozialpolitischer und im weiten Sinne gesellschaftspolitischer Weichenstellungen vornehmen müssen, die ihrerseits darüber entscheiden, ob demokratische Willensbildung künftig überhaupt noch möglich, ob eine "Demokratie der Informierten" noch zu verwirklichen ist; oder ob wir eines nicht sehr fernen Tages in einer informationstechnologisch begründeten Oligarchie aufwachen, Herrschaft von wenigen den Bürger zum Untertan macht.

Derartig weitreichende Behauptungen und Anklagen bedürfen der begründeten Erläuterung ebenso wie der Beispiele für die unmittelbare Betroffenheit aller Bürger. Erlauben Sie mir, mit einigen Erläuterungen den Rahmen für das notwendige Nach- und Mitdenken zu skizzieren.

Unsere historische Entwicklung hat im gegenwärtigen Jahrhundert dazu geführt, daß zunehmend komplizierter werdende Sachverhalte in der Wirtschaft und im "Staat" durch den Ausbau der Verwaltungseinheiten aufgefangen werden mußten. Immer mehr Spezialisten bestimmten zwangsläufig die politischen Entscheidungen mit; immer mehr Mitarbeiter wurden notwendig, um die Abwicklung der Geschäfte zu sichern und in der staatlichen Dienstleistung Anfragen und Anträge von Bürgern zu bearbeiten. Es bildete sich das Schlagwort von der "verwalteten Gesellschaft". Nun besteht ein Phänomen menschlicher Entwicklung offenbar darin, daß jeweils zu dem Zeitpunkt, in dem menschliche Gesellschaften aus vielerlei Gründen an die Grenzen ihrer Möglichkeiten gelangen, von einzelnen Mitgliedern der Gesellschaft Erfindungen gemacht werden, die gewissermaßen einen Fortschrittssprung darstellen.