Von Gabriele Venzky

Noch steigt er allabendlich wie ein Gott aus den Wolken zu seinen Untertanen hernieder. Tagtäglich vor den Abendnachrichten ballt sich leuchtendes Gewölk auf den Farbfernsehern in Zaire zusammen. Schnitt; Überblendung. Dann erscheint unter Sphärenklängen ein gütig dreinblickender, bebrillter Mittvierziger; Le Guide – der Führer. Mobutu Sese Seko Kuku-Ngebendu Wa-Za-Banga, seit elfeinhalb Jahren Alleinherrscher in der einstigen Kolonie Belgisch-Kongo.

"Der Vater des Vaterlandes sieht alles, hört alles, weiß alles", hämmert die "Stimme Zaires" aus der für fast 200 Millionen Mark gebauten aufwendigsten Sendeanlage Schwarzafrikas dem Volke ein. In Amtsstuben und Büros, in Hotels und Privathäusern, auf Denkmälern, Plakaten, Jackenrevers, T-Shirts, ja selbst auf den Hinterteilen kattungewandeter Damen ist Mobutu zu jeder Stunde präsent. Wie lange noch?

Die Zairis mögen glauben, daß ihr Staatspräsident alles sieht und alles hört. Sie selber dürfen freilich nur wissen, was die Regierung ihnen mitteilt. So wird den meisten nicht aufgegangen sein, daß Mobutu offensichtlich mit Blindheit geschlagen war, als sich an den südlichen Grenzen seines zentralafrikanischen Riesenreiches Unheil zusammenbraute. Sogar einige Europäer entdeckten aus ihren kleinen Privatflugzeugen, daß sich gegenüber der Südprovinz Schaba, dem einstigen Katanga, auf angolanischem Gebiet Truppen massierten; dem allwissenden Führer blieb dies jedoch verborgen.

Am 8. März überquerten die Freischärler die Grenze. Binnen vier Wochen brachten sie das Staatsgefüge von Zaire ins Wanken. Fahrlässigkeit, Unfähigkeit, Überheblichkeit, großangelegte Intrigen – vieles mag dabei mitgespielt haben, daß es so weit kam. Aber entscheidend ist eines: Nichts funktioniert mehr in Zaire. Die Zügel entgleiten Mobutu immer mehr. Er selber hat sein Land in die Krise geführt. Es ist eine Krise, die ihn seinen Kopf kosten kann; die eine Neuauflage der Kongo-Greuel der frühen sechziger Jahre bewirken mag; oder die, schlimmer noch, einen internationalen Konflikt auslösen könnte, in dem abermals Ost und West zusammenprallen.

Die Eindringlinge sind 2000 bis 5000 "Katanga-Gendarmen", Anhänger des 1963 gescheiterten Mobutu-Gegners Moise Tschombé. Sie haben ein Drittel jener Provinz besetzt, von der Zaire lebt: In Schaba werden jährlich 500 000 Tonnen Kupfer gefördert, ein Sechstel der Weltproduktion. Siebzig Prozent aller Exporterlöse Zaires gehen auf das Konto Kupfer. Schon in den wirren Zeiten nach der Unabhängigkeit im Juni 1960 hatte Tschombe versucht, die Kupfer-Provinz vom Kongo abzutrennen. Eine UN-Aktion beendete im Winter 1962/63 dieses Unterfangen. Damals suchten Tschombés Gendarmen ihr Heil in der Flucht; sie wechselten über die Grenze nach Angola.

Die Portugiesen stellten die etwa 6000 Flüchtlinge vor die Alternative: entweder Auslieferung an Zaire, was für die meisten vermutlich das Ende bedeutet hätte, oder Söldnerdienste für die Kolonialherren. Die Wahl fiel den Flüchtlingen nicht schwer. So wirkten die Katangesen bei der Unterdrückung der aufkeimenden angolanischen Befreiungsbewegungen mit, vor allem bei der Niederhaltung der FNLA des Mobutu-Schwagers Holden Roberto. Mobutu unterstützte diese Bewegung nach Kräften. Nicht nur aus Familienanhänglichkeit: Er erwartete nach dem Sieg Robertos großzügigen Dank in Gestalt der Streichen Enklave Cabinda, die dem Koloß Zaire endlich einen brauchbaren Zugang zum Atlantischen Ozean verschaffen sollte.