Ob man es bedauert oder nicht: Die bisherige Energiepolitik der Bundesregierung ist gescheitert

Brauchen wir die Kernkraft oder brauchen wir sie nicht, und vor allem: Muß unbedingt im Jahre 1985 schon so viel Atomstrom erzeugt werden, wie Bundeswirtschaftsminister Hans Friderichs fordert? Lassen sich die Probleme nur durch den Bau immer neuer Kraftwerke lösen, oder gibt es noch andere, bisher unausgeschöpfte Möglichkeiten, die Energieversorgung zu sichern?

Gegner und Befürworter der Atomenergie kämpfen mit fast religiösem Eifer für ihre – wie beide meinen – gute Sache, sind inzwischen so auf ihre jeweiligen Positionen fixiert, daß ein vernünftiges Abwägen der Risiken und Chancen sowie eine nüchterne Suche nach gangbaren Auswegen kaum noch möglich erscheint. Befürchtungen und Wünsche werden dabei wie Fakten behandelt, Prognosen oft mit der Wirklichkeit verwechselt.

Dabei ist nahezu in Vergessenheit geraten, daß am Anfang der Debatte das Thema Versorgungssicherheit stand. Der Bau von Atomkraftwerken wurde schließlich nicht aus reinem Übermut forciert. Da ist einmal – auf mittlere Sicht – die Sorge, die Opec könne wieder am Ölhahn drehen. Da ist – auf längere Sicht – die Gewißheit, daß in einigen Jahrzehnten die Ölvorräte der Welt weitgehend erschöpft sein werden.

Doch inzwischen ist uns wieder ein Lehrstück für die Begrenztheit aller Prognosen und die Gefahren einer allzu starr darauf aufbauenden Politik vorgeführt worden. Nicht nur, daß alle Vorhersagen über die Entwicklung des Energiebedarfs ständig korrigiert werden müssen, auch unsere Vorstellungen über Versorgungssicherheit bedürfen schon wieder dringend einer Überprüfung. Während es heute recht unwahrscheinlich zu sein scheint, daß die ölproduzierenden Staaten noch einmal einen Boykott versuchen, ist plötzlich die Brennstoffversorgung der Reaktoren gefährdet.

Niemand kann heute sagen, ob und zu welchen Bedingungen Kanada oder Australien in den nächsten Jahren Uran liefern. Da auf die USA. kein Verlaß ist, sind die Europäer in diesem Jahr gezwungen, sechzig Prozent des von ihnen benötigten schwach angereicherten Urans in der UdSSR bearbeiten zu lassen. Weil aus den Vereinigten Staaten seit Monaten kein hochangereichertes Uran mehr kommt, müssen einige deutsche Forschungsreaktoren vielleicht bald stillgelegt werden. Was wird Präsident Carter noch alles unternehmen, um seine Atompolitik durchzusetzen?

Da unsere Abhängigkeit von ausländischen Lieferanten ein Faktum ist, muß bei jedem neuen Energieprogramm rationeller Einsatz der verfügbaren Mengen oberstes Ziel sein – und hier ist noch längst nicht alles geschehen. Da muß beispielsweise sehr sorgfältig geprüft werden, ob die monopolartige Struktur der deutschen Elektrizitätswirtschaft noch zeitgemäß ist und ob sie nicht eine bessere Nutzung der in der Industrie in großen Mengen erzeugten Prozeßwärme für die Stromerzeugung verhindert ("Wärme-Kraft-Kopplung").