Die Europäische Gemeinschaft stoppt den Handel mit zollfreien Lebensmitteln auf See

Immer mehr Einzelhändler an deutschen Küsten sahen in den vergangenen Jahren ihre Felle, sprich Kunden, wegschwimmen: Fast drei Millionen Bundesbürger, versorgten sich 1976 auf Ausflugsschiffen zollfrei mit Wurst und Käse, Parfüm und Champagner, Schnaps und Zigaretten. Die Geschäfte an Land hatten das Nachsehen; doch jetzt hat der Wind gedreht.

Nachdem das Bundesfinanzministerium schon vor einem Jahr den massiven Protesten der Händler im Ems-Dollart-Gebiet gegen die "mißbräuchliche Ausnutzung" des preiswerten Einkaufs auf hoher See nachgegeben und Butterfahrten nach Holland erheblich eingeschränkt hatte, erhielten nun auch die schleswig-holsteinischen Kaufleute Hilfe.

Die Kommission der Europäischen Gemeinschaften hat beschlossen, die Freigrenzen für Einkaufe auf Butterkreuzern und Fährschiffen herabzusetzen: Vom 1. Juni an dürfen die Ausflügler nur ein statt zwei Kilo Butter und nur ein statt drei Kilo Käse, Wurst und anderer Lebensmittel von Bord mitnehmen. Von Juli 1978 an soll der Handel mit zollfreien Agrarprodukten vollständig unterbunden werden.

Auf die Proteste der Reeder zwischen Flensburg und Travemünde, die nun ihrerseits ihre Existenz bedroht sehen, reagieren die Händler gelassen. "Die Reeder schreien schon Zeter und Mordio", wundert sich Erich Krumme, Geschäftsführer beim Einzelhandelsverband Schleswig-Holstein, "wenn die Verkaufsmengen nur auf den normalen Stand zurückgeschraubt werden." Jahrelang, so argumentieren die küstennahen Einzelhändler, hätten sie unter schweren Wettbewerbsverzerrungen gelitten, Hunderte von Lebensmittelläden seien in die Pleite getrieben worden und alljährlich seien dem Staat -zigmillionen Mark Steuereinnahmen verlorengegangen.

Glaubt man indes den Ergebnissen eines Gutachtens, das der Hamburger Volkswirtschaftsprofessor. Harald Jürgensen für die deutschen Reeder erstellt und just vor dem Brüsseler Beschluß vorgelegt hat, so verlieren die Argumente der Händler an Glaubwürdigkeit. Denn von den drei Millionen Fahrgästen der Ausflugsschiffe wären als Käufer nur die 136 000 Personen in Frage gekommen, die im Einzugsbereich des Einzelhandels an der Küste wohnen. Bei durchschnittlichen Ausgaben von 71 Mark pro Person habe der Umsatzausfall im vergangenen Jahr lediglich 9,6 Millionen Mark betragen. Wenn also der betroffene Einzelhandel mit Lebensmitteln insgesamt nur 0,3 Prozent und der Tabakwarenhandel 1,1 Prozent seines Umsatzes an die Butterfahrer verliere, so rechnet Jürgensen den Kaufleuten vor, könne von einer Existenzbedrohung nicht gesprochen werden.

Auch der Staat kommt in Jürgensens Untersuchung nicht so schlecht weg, wie oft vermutet wurde: Dem Fiskus sind 1976 durch alle drei Millionen Butterfahrer’ Steuereinnahmen von höchstens 63,8 Millionen Mark entgangen. Andererseits haben die Ausflügler rund eintausend Reedereibeschäftigten die Existenz gesichert, die Urlaubsorte an der Ostseeküste gewannen durch die Butterfahrten zusätzlich an Anziehungskraft.