Streß ist auch in Bonn ein überaus geläufiges Wort. Viele Politiker, ob im Parlament oder in Regierungsämtern, zählen jetzt nahezu nostalgisch die letzten Tage der Osterpause im Gedanken daran, was sie von der kommenden Woche an wieder erwartet.

Terrorismus, Atomenergie, Haushaltsberatungen, Rentensanierung, Dämpfung der Krankenkosten, Vorbereitung auf die KSZE-Folgekonferenzen, Ost- und Deutschlandpolitik oder Londoner Gipfeltreffen sind nur die wichtigsten Stichworte aus dem Pensum der nächsten Zeit. Und nicht wenigen haben die Karlsruher Morde einen Strich durch alle Urlaubspläne gemacht. Innenminister Maihofer, Justizminister Vogel und Außenminister Genscher (als Vizekanzler) waren nur die Prominentesten unter jenen, für die sich die österliche Ruhe jäh ins Gegenteil verkehrte.

Grob vereinfacht hat der Streß in Bonn zwei völlig entgegengesetzte Ursachen: nervenaufreibende Vielfalt, und zermürbende Monotonie. Von der einen Erscheinungsform sind besonders die Politiker betroffen. Sie sollen und müssen zuviel Verschiedenes auf einmal tun. Da nimmt es nicht wunder, wenn etwa der Bundestagsarzt häufig mit Herz- und Kreislaufattacken zu tun hat. Seit der Konstituierung des Parlaments im Jahre 1949 ist jeder zwölfte Abgeordnete in den Stiefeln gestorben, im ganzen 149 Parlamentarier. Die Statistik kennt keine andere Tätigkeit mit einer so hohen Mortalität.

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Die andere Erscheinungsform, Streß durch Monotonie, hat gerade wieder zu einer Kontroverse geführt. In den Bonner Vorzimmern gärt es. Mit Hilfe der Gewerkschaft öffentliche Dienste, Transport und Verkehr setzen sich viele Sekretärinnen in den Ministerien gegen Pläne zur Wehr, sie zu "zentralen Schreibdiensten" zusammenzufassen. Bei einer Umfrage hat die ÖTV herausgefunden, daß 83 Prozent der Damen von solchen Pools nichts wissen wollen, weil diese Art der Konzentration und Rationalisierung sie zu Robotern mache.

Tatsächlich verschwindet hinter den bisherigen Versuchen und vollends hinter den Zukunftsplänen jegliches Büroleben. Im Verteidigungsministerium, wo ohnehin alles bis ins Kleinste geregelt zu sein pflegt, gilt zum Beispiel jetzt eine Norm von 32 000 Anschlägen pro Sekretärin und Tag. Das Innenministerium aber denkt schon daran, diese Norm auf 40 000, bei der Verwendung eines Textverarbeitungsautomaten auf 60 000 und womöglich mit Hilfe noch modernerer Geräte auf 100 000 Anschläge hinaufzuschrauben.

Da erscheint es durchaus angebracht, wenn die ÖTV das Ministerium daran erinnert hat, daß die Regierung doch auch die "Humanisierung der Arbeitswelt" auf ihre Fahnen geschrieben habe.