In die drei europäischen Fußball-Wettbewerbe 1976/77 – Europacup der Landesmeister, der Pokalsieger und der UEFA-Cup – hatte der Deutsche Fußball Bund (DFB) insgesamt sieben Vertreter entsandt. Zwei von ihnen, Borussia Mönchengladbach und der HSV, sind übrig geblieben und haben am Mittwoch der kommenden Woche im Rückspiel die Chance, ins Endspiel zu kommen. Sowohl in Düsseldorf als auch in Hamburg sind die Stadien Ausverkauft, damit Rekordeinnahmen von über eine Million Mark garantiert und auch die Spieler partizipieren im Falle eines Erfolges mit je 12 000 Mark an diesem lukrativen Geschäft.

Schon durch die ersten drei erfolgreichen Runden in diesem Wettbewerb verdienten sie pro Spieler insgesamt etwa 20 000 Mark extra an Prämien, so daß der Ausspruch des Nationalspielers Rainer Bonhof von Mönchengladbach "der Rubel rollt, doch wichtiger ist mir der Ruhm, einmal den Cup zu gewinnen" deutlich macht, welchen Stellenwert diese Spiele für die beteiligten Vereine und ihre Spieler besitzen.

Helmut Grashoff, der Geschäftsführer von Borussia Mönchengladbach, weist dann auch nachdrücklich darauf hin, daß ohne die diesjährigen Millioneneinnahmen Verkäufe von Stars wie Ulrich Stielicke oder auch Rainer Bonhof unvermeidbar wären: der monatliche Etat von etwa einer halben Million Mark und dabei nur 2000 Sitzplätze im 34 000 Zuschauer fassenden eigenen Stadion verdammen die Mannnschaft zum Erfolg: Nur mit Europapokalspielen im Düsseldorfer Rheinstadion kann der Etat ausgeglichen werden: Allein fünf Spieler liegen bei einem Jahresgehalt von etwa 300 000 Mark.

Die knappe 0:1-Niederlage in Kiew gegen den sowjetischen Meister – cool und clever über die Runden gebracht – läßt die Prognose zu, daß die Mannschaft das Endspiel erreichen wird. Vor allem die jungen Spieler demonstrierten in Kiew neben der allen deutschen Bundesligaspielern fast selbstverständlichen technischen Perfektion und Ausdauer die wichtigste Eigenschaft in solchen Spielen: die bedingungslose Bereitschaft, bestimmte Aufgaben zu lösen. Berti Vogts gab als Älterer das beste Beispiel: einem der besten Stürmer der Welt, Oleg Blochin, wich er nicht von den Fersen und machte ihn damit so gut wie wirkungslos. Diesem Prinzip – zunächst schaltete jeder seinen Gegenspieler aus – ordnete sich jeder unter. In Düsseldorf werden sie die Mannschaft aus Kiew in Grund und Boden rennen,

In Madrid zeigten die spanischen Spieler von Atletico in der 2. Halbzeit gegen den HSV, wohin das führt: fast jeder Zweikampf wurde von den Spaniern gewonnen, jeder unkontrolliert abgewehrte Ball kam prompt in Richtung HSV-Tor zurück: am Ende brach dort im Strafraum das Chaos aus. Das Ergebnis – die1:3-Niederlage – hielt sich optisch in Grenzen, doch die Überlegenheit in der Beherrschung des Balles, des Raumes und des Gegners war so eindeutig, daß die Aussage des Verteidigers Hidien – er spielte gegen den glänzenden Stürmer aus Argentinien, Ayala, – "die waren ja immer ein Mann mehr" – genau das Spielgeschehen widerspiegelt: in der Nähe des Balles registrierte der aufmerksame Beobachter tatsächlich immer mindestens einen spanischen Spieler mehr.

Im Tempo, in der Raffinesse beim Zweikampf und im Timing – rechtzeitiges Starten zum Ball und Gegner – waren sie den Spielern des HSV jederzeit überlegen. Das Rückspiel in Hamburg ist aber deswegen nicht aussichtslos, weil die Spieler des HSV sicherlich Kräfte mobilisieren können, die in Madrid fehlten und eine außerordentliche Leistung erst ermöglichen. 1961 hatte schon einmal eine HSV-Mannschaft – damals in Burnley gegen den britischen Meister – 1:3 verloren und gewann das Rückspiel sensationell in Hamburg 4:1, weil jeder von uns unbedingt gewinnen wollte, jeder für den anderen mitrannte und die Begeisterung von Mannschaft und Zuschauern die Voraussetzung für eine außerordentliche Leistung aller elf Spieler sorgte: Wir spielten wie im Rausch.

55 Konkurrenzen wurden in den drei erwähnten europäischen Wettbewerben bisher ausgetragen: 21, bei den Landesmeistern, 16 bei den Pokalsiegern und 18 im UEFA-Cup. Sechsmal gewannen dabei Mannschaften aus der Bundesrepublik eine dieser Konkurrenzen: Viermal war Bayern München erfolgreich, einmal Borussia Dortmund und einmal – im UEFA-Cup – Borussia Mönchengladbach. Fünfmal hintereinander – von 1956 bis 1960 – gewann allein eine Mannschaft, Real Madrid, den Cup der Landesmeister.

Der diesjährige Wettbewerb – die Spiele der letzten Woche haben es gezeigt – wird in erster Linie bestimmt durch hervorragende Ensemble-Leistungen, die geprägt sind durch Disziplin, Kampf und hohes Tempo. Der Dienst in der Mannschaft, die Ausgeglichenheit, zahlt allein. Solo-Auftritte sind nicht mehr so gefragt. Die Prognose für die Rückspiele sei aus diesem Grunde gewagt: Die Endspiel-Paarungen bei den Landesmeistern heißen Liverpool gegen Mönchengladbach, bei den Pokalsiegern Atletico Madrid gegen Anderlecht und im UEFA-Cup Turin gegen Molenbeek. Doch nach wie vor gilt Herbergers Wort für die Unwägbarkeit jedes Fußballspiels: Der Ball ist rund. Am 20. April wird es also deshalb noch einmal rund gehen. Jürgen Werner