Als Hans Friderichs Anfang der Woche in Madrid eintraf, um an den Feierlichkeiten der "Deutschen Handelskammer für Spanien" anläßlich ihres 60jährigen Bestehens teilzunehmen, hat er wohl kaum einen deutschen Gesprächspartner getroffen, der die wirtschaftliche Lage Spaniens rosig darstellt. Die Talsohle, aus der das iberische Königreich keinen Ausweg findet, fällt zusammen mit dem schwierigen Demokratisierungsprozeß – und beides drückt auf die Stimmung der deutschen Wirtschaftskapitäne, die in Spanien leben und arbeiten.

Daher zeigt auch das Barometer der deutschen Investitionen eine erschreckend fallende Tendenz. Und Claus Leineweber, Hauptgeschäftsführer der Deutschen Handelskammer für Spanien, hat nicht den Eindruck, daß sich das Blatt in diesem Jahr wenden wird: "Waren es im ersten Halbjahr 1975 noch 189 Millionen Mark, die nach Spanien flossen, so wurden im ersten Halbjahr 1976 nur knapp fünfzig Millionen Mark angelegt. Seitdem scheint sich das deutsche Kapital noch vorsichtiger verhalten zu haben."

Daran werden nach Ansicht der Handelskammer auch die Bestimmungen wenig andern, die kürzlich zur Erleichterung der ausländischen Investitionstätigkeit erlassen wurden. Zwar sind Investitionen, an denen ausländische Unternehmen mehrheitlich beteiligt sind, nicht mehr genehmigungspflichtig, wenn dafür Devisen verwendet werden, es mehr als hundert Millionen Peseten sind und der Technologietransfer nicht extra honoriert wird. Das Haupthemmnis für Auslandsinvestitionen sind jedoch nicht die gesetzlichen Bestimmungen, sondern das fehlende Vertrauen in die wirtschaftliche Zukunft des Landes.

Dieter Joswig, Direktor des Banco Comercial Transatlantico, resümiert: "Die. private Wirtschaft sowie die ausländischen Unternehmer warten mit Erweiterungsinvestitionen ab. Abnehmende Rentabilität, die Zunahme von Streiks sowie unzureichende Finanzierungsmöglichkeiten haben den Unternehmen erhebliche Schwierigkeiten bereitet, die auch für sich allein eine Abschwächung der Investitionstätigkeit zur Folge gehabt hätten; Zusätzlich haben die politischen Veränderungen eine abwartende Haltung hervorgerufen."

Dabei ist die Zahl der deutschen Geschäftsleute, die den vergangenen Franco-Tagen nachtrauern und von dem politischen Demokratisierungsprozeß nichts halten, in der Minderheit. Nach Ansicht des Präsidenten der Deutschen Handelskammer für Spanien und Delegierten der Metallgesellschaft AG in Madrid, Wolfgang Luitjens, sieht man in deutschen Wirtschaftsweisen "den Zeiten nach den Parlamentswahlen mit einer gewissen Gelassenheit entgegen. Dagegen hängt die Wirtschaftsentwicklung von einem vernünftigen Stabilisierungsprogramm, das von einer breiten Mehrheit getragen wird, ab. Denn wir wollen uns nichts vormachen – die fortschreitende Inflation, die im letzten Jahr 20 Prozent erreichte, zehrt auf die Dauer an der Substanz der Unternehmen".

Zu einem Stabilisierungsprogramm, das diesen Namen auch verdient, konnte sich Ministerpräsident Suárez nicht entschließen. Das am 18. Februar verabschiedete Paket von Wirtschaftsmaßnahmen wird im Lande allgemein als ein unzureichender Versuch betrachtet, die Wirtschaft aus der Stagflation herauszuführen. Auf keinen Fall wird es ausreichen, um die galoppierende Inflation merklich zu bremsen; ob es dazu beitragen kann, die Arbeitslosigkeit von fast einer Million zu verringern, die inzwischen auf 10 Milliarden Mark gewachsene Lücke in der Zahlungsbilanz zu verkleinern und neue Wachstumsimpulse zu geben, wird von den meisten Wirtschaftsexperten bezweifelt. Auch das neuformulierte Streikgesetz dürfte kaum den sozialen Frieden garantieren.

Beunruhigt verfolgen viele Direktoren deutscher Tochtergesellschaften im iberischen Staat eine Entwicklung, die parallel zur politischen Demokratisierung verläuft: die zunehmenden Lohnkopflikte. Durch Ausstände verlorene Arbeitsstunden gab es trotz des offiziellen Streikverbots schon zu Francos alten Tagen. Doch während in den Jahren 1973, 1974 und 1975 nie mehr als 18 Millionen Arbeitsstunden ausfielen, waren es im letzten Jahr über 110 Millionen. Noch herrschen in Spanien keine italienischen Verhältnisse vor, aber die Wirtschaft fürchtet, daß es bald zu einer Streiklawine kommen kann, wenn nicht rasch ein sozialer Pakt geschlossen wird, der von allen Kräften im Lande getragen wird und auch Opfer von der Arbeiterschaft verlangt.