Erstmals in dieser Reisesaison brauchen auch Bundesbürger ihre Hotelvouchers nicht noch einmal an der Grenze umschreiben zu lassen. Der vorgezeigte britische Paß brachte auch sonst keinen Vorteil. Auch ich mußte eine Straßenbenutzungsgebühr entrichten: 40 DM für die rund 1200 Kilometer, die ich vorhatte.

Für westdeutsche Campingfreunde hat man 1977 erstmals die Tore zu insgesamt 25 Campingplätzen geöffnet. Das Reisebüro am Alexanderplatz nennt die neue touristische Offerte "ein Zeichen unseres guten Willens".

Meine eigenen Hotel wünsche wurden restlos erfüllt, Ein Zimmer für jeweils ein bis drei Übernachtungen wartete in Dresden, Berlin, Halle, Erfurt und Weimar. Am ersten Abend im Dresdner Interhotel die letzte Formsache: die Rezeption bittet um meinen Paß. Am nächsten Morgen wird er wieder ausgehändigt. Das Kreisamt der Volkspolizei stempelt auch nachts. Nun habe ich die Aufenthaltsberechtigung auch für die anderen Städte schwarz auf weiß im Ausweis.

Engländer sein oder nicht sein, besonders in Dresden? Ich beschließe, trotz guter Deutschkenntnisse, bei der Fahne zu bleiben. Das hat einige Folgen. Vor dem Ratskeller stehe ich zum Beispiel in einer Schlange, die mich an die Bushaltestellen meiner Jugend in Manchester erinnert. Vielleicht sind mein ausgebeulter Pullover und die abgewetzten Cordhosen dran Schuld. Auf jeden Fall scheint man mir weder knisternde Deutschmark in der Tasche noch vor der Gaststube abgestellten BMW anzusehen. Nach zwanzig Minuten werde ich vom Oberkellner am Tisch plaziert. Nachher hat’s mir jeder Kellner von Dresden bis Berlin bestätigt: Der vorgezeigte Zipfel eines DM-Scheins (ja, auch einer maroden Pfundnote) verkürzt wie durch ein Wunder den Aufenthalt in solchen Schlangen.

Ein beim Informationsbüro in der Prager Straße gemieteter Begleiter, der mir Dresden auf Englisch schildert, würde für zwei Stunden immerhin 30 DM kosten. Deutschsprachige Führung kommt fünf Mark billiger. Lieber fahre ich mit einem Haufen Studenten und der erwähnten alten Dame im Bus mit. Eine Frau B. nimmt das Mikrophon. Eingangs erwähnt sie die 35 000 Bürger, die in der Nacht zum 14. Februar 1945 ums Leben kamen. Die Bombenwerfer werden allerdings nicht beim Namen genannt. Dann flitzt die prächtige Restarchitektur dieser Elbe-Stadt am Busfenster vorbei: der restaurierte Barock-Zwinger zum Beispiel und die damals ausgebrannte Oper, die in den nächsten vier Jahren für 120 Millionen Mark wieder hergerichtet wird.

In erster Linie aber erleben wir sozialistische Gegenwart: die Bauten im Villenviertel Blasewitz, die heute unter anderem Kindergärten sind, die Studentenheime, in denen man für zehn Mark Monatsmiete wohnt, die Flutlichtanlage von Dynamo Dresden und sogar die Wasserwerke, die die Stadt versorgen. Der Rudi des anhaltenden Busses holt zwei Studenten, die 40 Minuten lang geschlummert haben, aus ihren Träumen. Frau B. bedankt sich bei ihnen dafür, "daß Sie so leise geschlafen haben".

Man wird weitergereicht. Ein Student empfiehlt als nächstes Ziel die Porzellanmanufaktur in Meißen. Die Schauwerkstatt (Eintritt: eine Mark) ist von April bis Oktober geöffnet – ich bin ein bißchen zu früh hier. Im Geschäft am Rathaus sind allerdings gehobene Souvenirs zu erstehen: ein dreiteiliges Gedeck für rund 240 DM (mit Watteau-Design für 700 DM).