Vor allem Feriengebiete wie Ostsee oder Mecklenburgische Seenplatte sind im Sommer schnell überlaufen. Ein Dialog, am Counter des Reisebüros in Halle mitgehört, zeigt, wie ausgebucht das Reiseland DDR oft ist. Ein älterer Bürger: "Gibt’s im Sommer noch Inlandsquartiere?" Die Dame vom Reisebüro: "Nur noch ein paar Privatquartiere im Erzgebirge, 38 Mark die Woche, Zimmer und Frühstück." Im selben Büro konstatiere ich, daß man mit seinen Hotelvouchers

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aber zumindest in der Nebensaison jonglieren kann. Binnen zehn Minuten wird mir eine Nacht in Berlin storniert und dafür ein Extra-Tag in Weimar gutgeschrieben. Aber erst einmal noch großstädtische Urlaubstage in Halle.

Das Interhotel steht, wie auch in Berlin und Dresden, inmitten von viel neuem Beton. Nachts öffne ich wie immer die Fenster weit. Diesmal strömt die Duftnote VEB Chemische Werke Buna ins Zimmer. Das Händelhaus orte ich unter schäbigen Gebäuden, die bald abgerissen werden. Das alte Wohnhaus des Komponisten wird sie alle überleben. Es steht unter Denkmalschutz. Halleluja hallt durch die Räume, wenn eine Gruppenführung im Gange ist. Dabei zittern die alten Gemälde an der Wand und das Klavichord in der Ecke. In einem blau gepolsterten Zimmerlein wird man mit Bruchteilen der bekanntesten Werke berieselt. Das alles für nur fuffzig Pfennige.

Über 30 000 Baudenkmäler und Museen gibt es in der DDR. Dazu kommen 90 Theater. Eintritt ins Kino kostet ab 80 Pfennig, ins Theater ab 3,50 Mark, in ein Museum oft gar nichts. Allein solche Preise machen schnell kulturgefräßig.

Und auch das Steak nach dem Händelkonzert kostet nur sechs Mark. Das mag denn auch bei manchem Engländer bei der Qual der Deutschland-Wahl den Ausschlag geben. Denn Ostsee-Ost oder Ostsee-West – was soll’s. Zwangsläufig setzt sich die Zielgruppe kapitalistischer DDR-Touristen, nicht aus Sonnenhungrigen, sondern aus Nostalgikern und Neugierigen zusammen. Die Briten darunter sind vor allem neugierig. Vielleicht interessiert sie allerdings nicht ganz so brennend wie einige Bundesdeutsche, ob in der DDR die Restaurant-Portionen in den letzten fünf Jahren gewachsen sind. Und sie sind sogar bereit, das im Urlaubs-Schaufenster der DDR Gebotene ein wenig zu bestaunen. Zum Beispiel Weimar.

"VEB Goethe und Schiller" nennen die guten Bürger von Weimar selbst das lukrative Geschäft mit den beiden Literaten. Hier schneien im Sommer nicht weniger sowjetische Bewunderer herein als beispielsweise amerikanische Shakespeare-Jünger in Stratford-on-Avon. Nur werden die beiden deutschen Klassiker nicht so plump vermarktet wie ihr englischer Genialgenosse, der in Stratford auf jedem Bierdeckel abgebildet ist.