Durchs Goethe-Museum schlendern junge DDR-Bürger, etwas unbeeindruckt, wie beim Spaziergang durch einen toten Winterwald. Im Wohnhaus des dichtenden Denkers regt sie dessen unmarkiertes Hab und Gut zu keiner Frage an, auch nicht die nachgegossenen klassischen Torsen aus Italien, mit denen Goethe sein Haus wie ein Museum vollpfropfte. Dabei reden die netten, älteren Aufsichtsdamen, einmal angezapft, wie eine Goethe-Biographie, stundenlang, wenn’s beliebt. Alle Daten, aber auch Intimes aus dem Dichterleben haben sie im Kopf. Warum zum Beispiel Christiane Vulpius, deren drei Zimmer zu besichtigen sind, nie bei festlichem Anlaß neben Goethe erschien.

Im Schiller-Haus tue sie lieber Dienst, sagt die eine Dame. Der sei volksnäher und menschlicher als Goethe: "Nehmen Sie ‚Kabale und Liebe‘." Ich bin ein paar Tage zu spät dran – sonst hätte ich das Stück im Theater sehen können.

Der Weg nach Erfurt führt mich an Buchenwald vorbei. Inzwischen wieder ein idyllischer deutscher Wald voll Vogelgezwitscher. Im Lager steht ein Gedenkstein für "ermordete englische und kanadische Fallschirmspringer".

In Erfurt wohne ich am Bahnhof im "Erfurter Hof", einem der älteren Interhotels. Das Hotelleben in den traditionsreicheren Häusern, wie dem "Elefant" in Weimar, hat mir am meisten Spaß gemacht. Im "Elefant" zum Beispiel schalten und walten mit bombastischer roter Fliege geschmückte Kellner, die anscheinend ohne Minderwertsgefühle noch Freude am Job haben. Das Hotel, in dem einst auch Goethe abstieg, hat mehrmals den Wanderpokal der Interhotel-Vereinigung gewonnen – was Prämien fürs gesamte Hotelkollektiv bedeutet.

Allgemeine Bewertung der erlebten Interhotels: Service – korrekt bis freundlich lächelnd, abgesehen von manchem herrischen Oberkellner. Der Mangel an Arbeitskräften bedingt zuweilen langes Warten im Restaurant und Kofferschlepperei auch für ältere Gäste. Komfort – immer mehr supermoderne Interhotels kommen dazu (so zum Beispiel in Berlin das "Metropol" mit Schwimmbad). Aber in den neuen Herbergen funktioniert noch nicht alles. In den Zimmern des Dresdner "Königsberg" ließ sich beispielsweise die Heizung nicht abstellen. Cuisine – Michelin-Maßstäbe dürfen nur in einigen Hotels wie "Stadt Berlin" angelegt werden. Preiswert ist die Küche aber auf jeden Fall. Straßburger Kotelett für 5,75 Mark, Sauerbraten für 5,65 Mark, Rumpsteak für 6,80 Mark, Masthühnchen für 5,30 Mark. Morgens gibt’s ein Frühstücksbüfett: Wiener Würstchen, Roastbeef, Eier, Brötchen, Fruchtsaft, Schinken, reichlich Butter und Marmelade (meist hat man ein Acht-Mark-Bon dafür). Nachtleben: größtenteils unterentwickelt (außer in Berlin). Es spielt sich oft in der Hotelbar ab, wo ab Mitternacht offen und heiß auf den Sofas geschmust wird, ein Glas Cognac (4 cl) etwa sechs Mark kostet und entgegenkommende Damen unter anderem an der (zur Zeit begehrten) Jeanskluft zu erkennen sind.

Kleinkram wie Zigaretten, Kosmetika und Süßigkeiten kauft man am besten mit Westwährung im jeweiligen Hotel-Intershop.

Erfurt, wo sich die beiden Willy(i)s trafen, bleibt auch mir wegen menschlicher Begegnungen im Sinn: Mit dem Ingenieur, der mir seine Adresse gab und mich beim nächsten Mal beherbergen will; mit den zwei Langhaarigen, die fast alle Rolling-Stones-Texte auswendig kennen und die britische Queen dufte finden. Mit der Lehrerin, die ihr Englisch zwei Stunden lang im Wirtshaus an mir ausprobierte. Und auch mit den drei jungen Volksarmisten, die ein wenig staunten, als ich mich im Gasthaus zu ihnen setzte. Wie so oft auf dieser Reise wollte ich nur über Mädchen, Fußball und das Wetter mit ihnen reden. Aber irgendwie, wie so oft auf dieser Reise, kamen wir auf Biermann, Weinhold und Mauer. Und trotzdem kam’s nicht zum Zwischenfall. Tut mir leid, Herr Grenzbeamter,