Von Plato zu Popper

Von François Bondy

Der humoristisch altertümelnde Untertitel des Buches lautet in der deutschen Übersetzung: "Von den Ursprüngen einer Metapher oder Einige Illustrationen des Problems der politischen Temperamente und des intellektuellen Klimas, ferner Wie Ideen, Ideale und Ideologien in der Geschichte verbunden waren." Da mögen wir mutmaßen, daß Melvin J. Lasky, den die Leser der Zeitschrift Encounter als den unvergleichlichen Aufspürer von Exempeln intellektueller und sprachlicher Sonderbarkeiten kennen, zu viele Autoren des siebzehnten Jahrhunderts gelesen hat und nunmehr selbstironisch vor den Exzessen seiner Zitierfreudigkeit warnen wollte. Ob Burtons "Anatomie der Melancholie" wie ein britischer Rezensent vermutet, dieser "Anatomie einer Metapher" Vorbild war?

Wir sind bei dem Werk mit etwa 360 000 Wörtern Text und mit hundert enggedruckten Seiten Anmerkungen konfrontiert:

Melvin J. Lasky: "Utopia and Revolution"; Macmillan, London 1977; 726 S., 15 £; und: The University of Chicago Press, Chicago 1976; 35

Handelt es sich um eine Geschichte der Wörter und Sprachbilder, die es mit Utopie, mit Revolution zu tun haben und mit solchen Metaphern wie "Ameisenstaat" oder "Feuer"? Solche Metaphern springen von einer Gesellschaft auf die andere über und scheinen eigenständig gegeneinander zu kämpfen wie bei Homer oberhalb der Helden die Götter des Olymp. Ist die Geschichte der Revolutionen nicht ausschließlich durch soziale Gegensätze bedingt, sondern wesentlich durch eine Rhetorik, deren Faszination auf tiefliegende ethnologische und psychologische Komplexe weist?

Zunächst finden wir hier erstaunliche Porträts einflußreicher Ideologen, wie zum Beispiel der großen ausländischen Anreger der englischen Revolution: Samuel Hartlib, John Dury und Comenius, ferner die Schicksale englischer Jakobiner im Frankreich des Terrors. So verbindet sich politische Geschichte mit Ideengeschichte. Die Kapitelfolge ist allerdings nicht immer in chronologischem Zusammenhang.

Für so zentrale Gestalten wie Karl Marx etwa werden in stets neuen Ansätzen die verschiedensten Bezüge hergestellt. Die Abschnitte über die englische politische Ideengeschichte haben in England selber besondere Aufmerksamkeit und Beifall gefunden. Überraschend wird die Gestalt und die Legende des Fischers Masaniello beleuchtet, als Führer des neapolitanischen Aufstands von 1647, in einer Aufzeichnung Spinozas, der sich mit ihm in einem Selbstporträt identifizierte, in Äußerungen von Locke, Goethe, Tocqueville, schließlich im belgischen Aufstand von 1830 gegen Holland mit der zündenden Wirkung der Brüsseler Aufführung von Aubers Oper "Die Stumme von Portici", die Masaniellos Revolution zum Thema hat. All das erfahren wir in den 19 Zeilen einer Fußnote. Es ist aber nicht Gelehrsamkeit als Selbstzweck, sondern thematisch durchaus relevant.

Von Plato zu Popper

Mag man dieses Buch um solcher Porträts und Exkurse willen lesen, so darf nicht vergessen werden, daß im Mittelpunkt die Frage steht, wie Mythen und Metaphern Macht über die Geister erringen, und warum Wörter und Bilder nicht nur Überbau über Interessen sind. Gewiß, ein wenig atemraubend ist das Hin und Her zwischen Plato und Popper, Morus und Marx, Bruno und Burke. Doch unter dem dichten Geflecht der Beziehungen spüren wir die Suche nach dem "hohen mittleren Grund" zwischen blindem Fanatismus und faulem Kompromiß.

Seit Melvin Lasky, 26jährig, die Zeitschrift "Der Monat" in Berlin gründete, hat er Weltgeschichte als engagierter Beobachter und Publizist erlebt. Hier ist er ein Historiker, wie er nicht ohne diese Teilnahme, aber auch nicht ohne den "Schritt zurück" denkbar wäre. Wer den ersten Abschnitt. "Der grüne Stab und die Bruderschaft der Ameisen" gelesen hat, weiß jedenfalls, daß dieser "Wälzer" ein ungemeines Lesevergnügen bietet.