Von Wolfgang Hoffmann

Ernst Rausch, Facharzt für Orthopädie und Vorsitzender des Berufsverbandes seiner fachärztlichen Kollegenschaft, berichtet von einem Fall aus seiner Praxis, der zwar nicht alltäglich ist, dennoch aber typisch für eine Entwicklung im deutschen Gesundheitswesen: Nach der Wirbelsäulenuntersuchung bei einer Schülerin empfahl Rausch deren Mutter eine ebenso billige wie wirkungsvolle Therapie. Sie solle, so Rausch, ihr Kind regelmäßig zum Schwimmen schicken und überdies bei einem Turnverein anmelden. Die Mutter interpretierte den wohlgemeinten Rat zur Körperertüchtigung ihrer Tochter als ärztliche Therapieanweisung und begehrte darauf den Turnverein auf Krankenschein.

Für den Mediziner und Standesfunktionär Rausch sind solche Auswüchse nur die Folge einer staatlichen Gesundheitspolitik, die den Versicherten alles verspricht, ihnen quasi den Weg zu kostenloser Medizin von der Wiege bis zur Bahre ebnet. Später werde erstaunt festgestellt, daß solch ein System auf Dauer unbezahlbar wird. Ein Grundübel des Systems besteht für Rausch darin, daß die Patienten überhaupt keinen Anlaß mehr haben, selbst kostenbewußt mitzudenken, wenn sie ärztliche Dienstleistungen in Anspruch nehmen. Rausch: "Das verdirbt die Sitten."

Die Feststellung von Rausch, das Anspruchsdenken der Versicherten sei eine Ursache für die Kostenexplosion im Gesundheitswesen, ist nicht nur aus der Luft gegriffen. Zwei Sektoren im Gesundheitswesen, in denen bis vor wenigen Jahren noch eine Selbstbeteiligung der Patienten üblich war, machen das besonders deutlich. Das sind die Bereiche der orthopädischen Heil- und Hilfsmittel und des Zahnersatzes.

Seit die Kosten für Zahnersatz in der gesetzlichen Krankenversicherung bis zu 100 Prozent von den Kassen erstattet werden, haben sich die Ausgaben für den vom Patienten begehrten und vielen Zahnärzten willig gewährten Zahnersatz binnen kurzem verdoppelt. 1975 lagen sie bei etwa 4,2 Milliarden Mark. Allein bei den Ortskrankenkassen verursachte der vom Gesetzgeber auferlegte Zwang, nahezu komplett für neues Kauwerkzeug aufzukommen, einen großen Sprung: Von 1974 auf 1975 stiegen die Ausgaben für Zahnersatz um 113 Prozent.

Nun soll die Ausgabenflut für neue Zähne, Kronen und Brücken gedämpft werden. Die Selbstbeteiligung der Patienten, früher schon praktiziert, soll wieder eingeführt werden. Die Zuschüsse der Kassen für den Zahnersatz sollen nicht mehr als 80 Prozent betragen. Mehr als 500 Mark Selbstbeteiligung soll den Patienten allerdings nicht zugemutet werden. Immerhin, diese Regelung läßt hoffen, daß die Versicherten künftig mit darauf achten, den Mund nicht allzu voll zu nehmen.

Eine ähnlich heilsame Wirkung auf die Dämpfung von Kosten hätte sich Orthopäde Rausch auch versprochen, wenn sich die Bonner Gesundheitspolitiker dazu durchgerungen hätten, ihren orthopädischen Leistungskatalog gleichfalls zu überdenken. Wie beim Zahnersatz sind auch hier nach Wegfall der Selbstbeteiligung erhebliche Kostensteigerungen eingetreten.